Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 529 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AUF DEM HÜGEL 529 boden einen Bund Hanf zusammen, hielt ihn mit einem Knie lest und beschimpfte den Briefträger, ohne sich ihm zuzuwenden. Aber es will scheinen, daß jedes Ding in der Welt einmal seine rechte Verwendung findet. Urele Schiker1) erschien plötzlich, ohne daß ihn jemand gerufen hätte und machte sich mit seinem Schreibzeug an die Chussen-Kalleh-Briefe^' Urele war irgend einmal in der Welt Flötist bei den Musikanten, dann wurde er Belfer in Koslew. Er konnte deutsch und jiddisch, las und beantwortete im Städtchen die Korrespondenz der Brautpaare. Der buckelige Urele kam mit einem abgeschabten, gelben Schirm auf den Hügel gestiefelt. Mit dem spärlichen, schmunzelnden Bärtchen über den Brief des Bräutigams gebeugt, blickte er beim dunklen, nassen Fensterchen in die kleinen, schönen Buchstaben, die der Belfer aus Koslew geschrieben hatte, und las mit seiner quietschenden, zärtlichen Stimme vor sich hin: „Vielgeliebte und hochgeschätzte Braut Berthai Mit zitternden Händen ergreife ich die Feder, um Dir, mein geliebtes Leben, herauszuschreiben ..." Und obwohl Urele den Stil der Liebesbriefe schon seit langen Jahren her auswendig kannte, prickelte ihn nichtsdestoweniger, als wäre es das erstemal, das süße, zärtliche Liebesgefühl herb in der Nase und seine roten, eitrigen Äuglein füllten sich mit Tränen, als er zum Schluß kam: „ ... als ich Dich herzlich grüße und küsse von mir Dein treuer Bräutigam Ghaskel Moses Mesuseh." Urele setzte sich an den plumpen Eichenholztisch, entnahm der Busentasche einen zerrissenen, jiddischen Briefsteller, blätterte die Antwort auf, die gerade unterhalb dem Briefe des Bräutigams folgte, und nachdem er in das schwarze Tintenfaß hineingespuckt hatte, schrieb er mit vorgeneigtem Kopf auf seinem eigenen, vergilbten Briefpapier die Antwort an den Bräutigam: „Hochgeschätzter und vielgeliebter Bräutigam! Mit zitternden Fingern ergreife ich die Feder, um Dir mein Teurer, Geliebter, herauszuschreiben meinen Schmerz ..." Nachdem Urele sein Werk vollbracht hatte, begann er mit dem Schirm unter dem Arm untertänigst umherzuschleichen und verlangte Geld für eine Marke, zweieinhalb Kreuzer. „Schmiel-Jossje", sagte die Frau, die teigbedeckte Faust aus der Mulde ziehend, ,,Schmiel-Jossje, der dort will etwas Geld... für den Bräutigam, zweieinhalb Kreuzer für einen Brief .. ." *) Säufer. •*) Korrespondenz der Brautleute.