Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 530 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912875-2920397--05379-2920530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 MENORAH Aber Schmiel-Jossje antwortete nicht, er warf einen stummen Blick auf Urele, der ihm durch Mark und Bein ging. „Tin..." spuckte Schmiel-Jossje aus und ging fort. Urele wollte bei Breindel sein Glück versuchen und ging hinunter, um bei ihr die zweieinhalb Kreuzer für den Brief an den Bräutigam zu nehmen. Breindel saß drunten am Fuße des Hügels, wie immer auf dem Klotze, an dem Trog mit Semmeln, und der Klotz stak jetzt so tief im Kot, daß man ihn kaum herausragen sah. Um den Kopf einen nassen, dichten Schal, der auf dem Rücken in einem Knoten endete, saß sie da lind nur ihre schwarze pockige Nase kam zum Vorschein. Als sie Urele aus der Ferne erblickte, wußte sie bereits, was er wollte und kreischte zornig stotternd: ..Gggeh ... geh ... du Saufbold . . . sssehe mal einer an ... gggeh zu allen Teufeln . . VIII. Der Frost brannte mit bläulichem Geflimmer. Schon vom frühen Morgen an haben die Weiber des Hügels die nassen Köpfe der weinenden Kinder mit scharfen, verfilzten Kämmen gekämmt. Sie schalten und flochten harte Mädchenzöpfe, die wie Mäuseschwänzchen aussahen. Durch den blauen Frost schwirrten die quietschenden Stimmen in den knarrenden Schnee, in die weiße Leere hinab. Durch die Strohverschalung der Häuser, die in lauteren, flaumigen Schnee gebettet waren, hörte man Hersch-Welwel mit seiner Frau streiten und seinen Söhnen schelten. Schwarze, stierblickende Raben pickten mit ihren scharfen Schnäbeln die Zwiebelschalen auf Schmiel-Jossjes schneeverwehtem Kehrichthaufen und kosteten den schmackhaften Duft der fetten, weichen, eingesalzenen Därme aus, die in der Stube auf dem Salzbrett über dem Spülkübel lagen. Drinnen in der Stube brach die Schwiegertochter Raze mit roten, geschürzten Armen Eier auf, rührte sie mit einer Gabel zu Schnee, stieß Zimt in einem Mörser. Die alte Sureh zog aus dem Ofen große, braune Lebkuchen, die aut's Bett gelegt wurden und mit heißer, scharfer Süßigkeit dufteten. Die Weiber des Hügels kamen immer wieder in die Stube gelaufen, schnüffelten, leckten und ließen etwas unter die Schürze verschwinden. Man tat geschäftig, lief hin und her, und die Stube war voll. Von den blauen, ärmlichen Wänden rann die Feuchtigkeit herab, die Decke schwitzte runde, aufgeblähte Bläschen aus.