Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Jossel, der Schammes
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 514 (sequence 4)
- Language
- German
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514 MENORAH Hinter den Ghettomauern tat der Tod ungehindert sein verderbliches Werk; und er ließ kein Haus, keine Sippe aus. Der Ansteckungsgefahr wegen blieb auf Geheiß des Rabbi die große Synagoge geschlossen und es war verboten, sich zu gemeinsamem Gebet zu versammeln. Es hätte des unter Bann ausgesprochenen Verbotes nicht bedurft. Denn das Leben im Ghetto war beinahe erstorben, von Handel und Wandel keine Spur. Alle verschlossen sich in ihren Häusern und lebten von den Vorräten. So lebten die Juden von Worms wochen- und monatelang hinter den Mauern ihrer Häuser, bis endlich die Seuche erlosch. Keiner wagte, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten; die Toten wurden von ihren Angehörigen bei Nacht in aller Stille auf den Friedhof gebracht und dort von der Chewra-Kadischa ohne die üblichen Zeremonien in Massengräbern bestattet. Der einzige, der es damals wagte, die Schwelle seines kleinen Häuschens zu überschreiten, war — Jossei, der Schammes. Stärker und länger als sonst quirlte damals der Rauch über dem Dreifuß empor, auf dem jetzt in großen Töpfen verschiedene Arten von Brei und Grütze brodelten. Diese Töpfe trug Jossei zu verlassenen Kranken, die keine Angehörigen zur Pflege hatten. Vor der Seuche hatte Jossei keine Furcht; er kam selbst in die Häuser, wo die Krankheit am ärgsten wütete, brachte Speise, holte Arznei vom Bader, verband die Eiterbeulen, rieb sie mit lindernder Salbe ein; die Toten hob er vom Sterbebett, die Lebenden erhob er mit Trostworten. „. Als Jossei einmal in tiefer Nacht mit den Brei- und Grützetöpfen seinen Rundgang bei den Kranken machte, hörte er hinter einem Fenster, an dem er vorbeiging, eine Frau stöhnen. Jossei meinte, die Seuche habe auch hier Einzug gehalten und Hilfe sei vonnöten; er trat in das Haus, aus dem er das Stöhnen vernommen hatte, und sah — eine Frau im Bett liegen, die in schweren Wehen stöhnte und nach ihrer Mutter rief. Aber keiner war da, ihr zu helfen. Erschrocken, weil eine Frau in so schwerer Stunde verlassen dalag, vergaß Jossei, daß er ein Mann sei und trat an das Bett der Kreißenden: „Gute Frau, kann ich Euch mit etwas helfen?" Die Frau zog das Laken über ihr Gesicht und antwortete: „Wie könnt Ihr mir helfen? Ihr seid doch ein Mann. Ich brauche eine Frau, die mir entbinden hilft, denn meine Zeit ist da." Jossei erwiderte: „Seid ruhig, liebe Frau, ich bringe Euch gleich eine Hebamme." Er lief von Haus zu Haus und klopfte an die Türen und Fenster, wo Hebammen wohnten. Aber vergebens bat er sie um Beistand für