Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Jossel, der Schammes
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 513 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSSE L, DER SCHAM M ES 513 eignisse und Taten so, als geschähen sie wirklich vor seinen Augen; die Geschichten, die er ihnen erzählte, lebten so in ihm, daß er vergaß, wer er in Wirklichkeit war, daß er, der Synagogendiener, nach einer Weile werde aufs Pult klopfen müssen, um das Zeichen zum Maariwgebet zu geben: Jossei sieht sich im Kerker zusammen mit Rabbi Meir von Rothenburg; er ist einer der zwei unbekannten Fremden, die in einer Zeit ärgster Bedrängnis nach Worms gekommen und für die ganze Gemeinde den Märtyrertod gestorben sind. Jossei sieht sich in der heiligen Stadt Jerusalem; er befindet sich mit der Kreuzzugdeputation der Wormser Juden auf dem Weg nach Rom zum Papst. Ärgerlich ruft der Vorsteher: „Jossei, Jossei, es ist Zeit zum Maariw-Gebet!" Die einzige Kerze vor dem Almemor schwelt schon, die alte S3'nagoge ist in den Schalten der zwei riesigen Säulen gehüllt, zwischen denen Jossei ganz im Dunkel steht. Aus dem Dunkel leuchten die Augen der Kinder und bilden um Jossei einen Kranz glänzender Perlensterne; Jossei schwebt irgendwo durch ferne Welten und die Kinder ihm nach ... Nicht immer ist Jossei in der Phantasiewelt seiner Geschichten versunken. Wenn er nach dem Maariwgebet mit den großen Schlüsseln die schweren Tore der Synagoge verschlossen hat, geht Jossei in seine Kammer. Dort nimmt er den Topf mit Grütze, der schon lange auf einem Dreifuß über dem Feuer brodelt, und schleicht damit in den Keller und auf den Boden. Er weiß, wo sich der oder jener fremde Wanderer versteckt hat, der heimlich den Weg ins Ghetto von Worms gefunden und sich nun vor dem strengen Auge des Vorstehers verbirgt. Jossei findet im Balkengewirr des Dachbodens sicher den Weg zu dem einsamen Kranken, den der Vorsteher dort eingeschlossen hat, denn die Kunde davon könnte Unglück über die ganze Gemeinde bringen. Einmal geschah es, daß eine furchtbare Seuche das ganze Ghetto von Worms ergriff. Es gab kein einziges Haus im Judenviertel ohne einen Kranken. Leute, die noch bei Tag gesund auf der Straße gesehen wurden, lagen des Nachts mit schrecklichen Geschwüren bedeckt in den Betten. Schrecken und Angst ergriff die ganze Wormser Gemeinde. Einer fürchtete die Begegnung des andern. Die Stadt Worms versperrte alle Tore des Ghettos, stellte vor ihnen starke Wachen auf und verbot bei Todesstrafe, das Ghetto zu verlassen. Hornsignale von den mit Spähern besetzten Türmen schreckten die Einwohner auf, wenn einer der eingeschlossenen Juden in der Absicht, aus der verseuchten Stadt zu fliehen, es wagte, sich der Ghettomauer zu nähern; es klang, als nahte ein verderblicher Feind der Stadt, um sie zu belagern.