Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · p. Seite 509

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 9 (September 1927)
Article
Ausländer über polnische Juden im XVIII. Jahrhundert
Date
1927-09-01
Page
Seite 509 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912875-2920387--05342-2920509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

AUSLÄNDER ÜBER POLNISCHE JUDEN 509 wir auch bey den Polen vermittels des Russischen unsers Fuhrmanns des Herrn Bibiena1) Bedientens noch ziemlich zurecht." S. 35. Aufenthalt in Grodno: „Herr Stolinski gab sich alle Mühe, uns besser unterzubringen, doch wären wir bey unsern schmutzigen Juden, welche nun unsere einzige Zuflucht zu seyn scheinen, wiederum übel daran gewesen, wenn er nicht mit Professor Gilibert bekannt geworden wäre, der ihm Quartier gab." S. 57. Schilderung des BranitzkV sehen Schlosses in Bialystok: ,,Daselbst stehet auch eine marmorne Büste des verstorbenen Krongroßfeldherrn im Jahre 1766 verfertigt, da er 76 Jahre alt war; sie ist gut gearbeitet und was am meisten Verwunderung erregt, von einem Juden, der noch in Biaiystok, ohne nur in Ermangelung des Gelasses und der Gelegenheit seine Kunst zu treiben, unbekannt lebet." //. JOHANN ERICH BIESTER. Geboren am 17. November 1749 in Lübeck, gestorben am 20. Februar 1816 in Berlin. Im Jahre 1791 besuchte er mit einem Engländer Polen und schilderte seine Reiseeindrücke in der von ihm herausgegebenen „Berliner Monatsschrift" (Jahrgang 1791). Er hatte Polen gerade in dem Jahre der großen politischen Kämpfe und Ereignisse besucht und alle Fäden der Geschehnisse genauestens beobachtet. Es ist klar, daß er auch bei seinen Beobachtungen den polnischen Juden eine besondere Aufmerksamkeit schenken mußte. „Ich sehe sie als Schänker mit der Branntweinflasche in Wäldern und Dörfern an den Türen stehen; sie dienen den Postmeistern und allen jenen, die sich irgendwie mit einem Beruf beschäftigen als sogenannte Mäkler. Eine große Anzahl von Berufen in den Städten und Dörfern liegt ausschließlich in ihrer Hand und so gehen sie beispielsweise durch die Dörfer als Männer- und Damenschneider. Ja, selbst was komisch anmutet, trotz ihrer langen Bärte als Friseure. In den kleinen Städten sind sie die alleinigen Kaufleute, Krämer, Handwerker und Gott weiß was noch." Biester fällt es besonders auf, daß das vor der Konstitution vom 3. Mai 1791 vom polnischen Sejm am 18. April beschlossene Gesetz über die Städte im Artikel 10 ausdrücklich über die Christen spricht, dagegen die Juden nicht dem Bürgerstande zuzählt. Nach ihm ist jeder Einwohner in Polen, der nicht dem Adel angehört, eine Null, ja selbst die Bürger trotz des Städtegesetzes vom 18. April und der Verfassung vom 3. Mai 1791. Er stellt fest, daß die Juden sich weigerten, Bürger nach dem neuen System zu werden, obwohl dies allen vorgeschlagen wurde, weil sie der Meinung waren, daß es ihnen als „Schutzverwandten" besser ergehen würde. Biester ist ein Gegner des vom Sejm beschlossenen Städtegesetzes, weil er es für mangelhaft erachtet und darin so gut wie gar keinen Vorteil für die Bürgerschaft erblickt. Er hält auch die Judenfrage in politischer Hinsicht für nicht gelöst. Selbst in dem Falle nicht, wenn sogar jemand vorschlagen *) Bernouilli machte seine Reise in Begleitung des italienischen Malers Carlo Galli Bibiena.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.