Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Davids Flucht
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 482 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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482 MENORAH Aber es ist keinem sterblichen Menschen vergönnt, bei Gott zu verbleiben. So wie eine Frucht, wenn sie schwer und süß ist und vollgesogen mit Kraft und Reife, durch neues Gewebe im Zweig sanft abgetrennt wird vom Baum, daß sie sich loslöst und ins Gras sinkt, so entließ Gott David, seinen Knecht. David fühlte, er mußte wieder ins irdische Leben hinunter. Seine Seele sank und sank, durch die Sphären hinab, der Körperwelt zu. Von oben tönten noch die Harmonien Gottes. Von unten schlug es ihm wie dichter Hagelschauer entgegen: Menschenjammer, Mensch enstöhnen, Menschennot. Millionen Geschöpfe schrien: ,,Gott, warum läßt Du mich hungern? Warum läßt Du mich dürsten? Warum ist mein Liebstes gestorben? Warum läßt Du die Sünder leben und raflst die Gerechten hinweg . ..?" Unablässig schrie es aus den Nebeln: .,Warum? Warum?" Wie in Tränenmattigkeit lag der Erdball unter ihm. Die Erde schien einem Menschenhaupte zu gleichen. Oh, wie zerteilt war das Antlitz der Erde! Edelgewölbt die klare Stirn, die brutalen Kinnbacken herabgefallen, grellrot klaffte der Mund und schrie und schrie. Die Erde schrie in wirrer Qual. Es war nicht die Erde. Es war das Haupt eines Menschen. An schimmernden langen Haaren hatte er sich verstrickt im Laub einer Terebinthe und konnte sich nicht befreien. David erkannte die Stimme. David erkannte das Gesicht. Er wußte, daß es x\bsalon war, der an der Terebinthe hing. Er wußte, daß der gräßliche Schmerzensschrei der Todesjammer seines Sohnes Absalon war. Absalon schrie: „Verflucht sei mein langes Haar, das die Weiber küßten! Jetzt brennen ihre Küsse in meiner Kopfhaut. Verflucht seien die Freunde, die ohne mich flüchteten. Verflucht sei mein Pferd, das unter mir davonjagte. Verflucht sei Gott, der mich darren läßt im Sonnenbrand, im Fliegengeschmeiß, wie die Haut eines Kalbs am Metzgerhaken. O Gott, warum? Warum?" Dunkel wurde es. Davids Seele sank und sank. Schon spürte er den Duft von blühenden Thymianhecken. Die Stimme eines Weibes klagte leise: „David, David, unser Kind ist tot." Hart schlug des Königs Stirn auf den feuchten Sand. Er erwachte wie aus einem schweren Traum. Er fand sich kniend in der finstern Höhle. Absalons Todesschrei gellte ihm noch im Ohr. Und wenngleich er den göttlichen Ratschluß erkannte, er war zu schwach, ihn klaglos zu erdulden. Er rief: „Rettet Absalon! Mein Kind, Absalon! Sagt Joab, er soll Absalon retten!"