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Menorah · 1927-08-01 · Heft 8 (August 1927) · p. Seite 483

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 8 (August 1927)
Article
Davids Flucht
Date
1927-08-01
Page
Seite 483 (sequence 6)
Language
German
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DAVIDS FLUCHT 483 Kopfschüttelnd erhob sich der grauhaarige Diener, der in einem Winkel der Höhle hockte. Er dachte, daß das Unglück des Königs Geist verstört hätte. Er ging, um Joab zu suchen. Aber Joab war verschollen. In welcher der vier Windrichtungen sollte er gehen, um ihn zu finden? David wußte, daß der Mann zu spät kommen werde, daß Absalon in diesem Leben verloren war. Im Dämmern sah er, wie sich Bathseba weinend über das Kind beugte. Sic wimmerte, wie die anderen Geschöpfe auf Erden: ,,Warum? Warum?" David sah, daß auch das andere Kind tot war. Der Mann und das Weib krochen einander entgegen. Bathseba hielt das tote Kind auf den Armen und wiegte es. „Schau'", sagte sie jammervoll, während ihr die Tränen die schmerzlichen Mundfalten herabliefen. David nahm ihr das Kind sanft aus den Armen und bellete es auf das Lager. Er hob sein Weib vom Boden auf. Hilflos, ratlos sah sie ihn an. Aus ihrem kummervollen Gesicht schimmerte rührend ihre frühere Holdseligkeit hervor. David führte die Schwankende aus der Höhle ins Freie. Draußen war ein trüber, nebliger Tag. Sie schluchzte: ,,Warum läßt du mich nicht in dem Grab? Ich will bei dem Kind bleiben. Ich will tot sein wie das Kind. Wozu weiterleben?" „Wir müssen weiterleben, um sehend zu werden", sagte David ernst. ,,Unser wahres Leben beginnt erst jetzt." Bathseba sah jäh auf. Davids Gesicht leuchtete, ein strahlender Glanz ging von ihm aus. Bebend fragte sie: „Wo war deine Seele, als auch du wie ein Toter in der Höhle lagst? Warst du — bei Gott?" Die Brust des Mannes schütterte in mächtiger Erregung. Er war nicht imstande, ein Wort auszusprechen. Er nickte bloß. Aus der Tiefe scholl Musik herauf, Harfen und Flöten. „Komm nach Jerusalem!" sagte David. In dem Tale sangen sie Davids Lieder. Immer näher kam eine freudige Menge, immer stärker wurde der Jubel des Volkes, das ausgezogen war, seinen König heimzuholen. Joabs Männer sangen: „König David! König David!" Der Himmel wurde klar und der Jordan erglänzte. David und Bathseba schritten langsam die Lehmterrassen hinab, dem Volke entgegen. Dicht über ihren Häuptern kreisten hellschreiend fremde, große Vögel, in der Sonne funkelnd, und begleiteten sie auf dem ganzen Weg.

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