Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Davids Flucht
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 480 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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480 MENORAH vermochte, daß er nicht die Kraft hatte, sich Gottes Unendlichkeit hinzugehen, daß er nicht den Mut hatte, irdisches Leben zu lassen. Sein Gebet war hoilnungslos, war ohne Vertrauen, so wie ein Tauber bittet: „Laß mich wieder hören!" So wie ein Blinder bittet: „Laß mich wieder sehen!" Verzweifelt lag er in der Höhle. Der Kienspan war herabgebrannt und knisterte nicht mehr. Nur das Kind röchelte und der Sturm heulte. Unbeweglich lag der König lange Zeit im Dunkel. Eine Stimme kam, ohne Laut, und erfüllte seine Seele. War es die matte Stimme Bathsebas oder kam sie aus den Ewigkeiten her? Die Stimme pochte an sein Herz. Da versuchte David nochmals, zu Gott zu gelangen. Seine Seele rang sich durch die Dunkelheit. Sie versuchte, durchzudringen durch die Lehmwölbung der Höhle, die schwer drückte, durchzudringen durch die Himmelswölbung, die schwer drückte; durch die Schlacken, das Pressende in Davids eigener Brust. Die Seele rang sich empor zu dem fernen Gott. „Herr, laß das Kind leben! Herr, nicht für mich flehe ich. Es ist gerecht, daß Du mir nichts gelassen hast von meinem König reich. Aber sieh dies fiebergeschüttelte Weib, das ihr Kind an der Brust hält. Erbarme Dich ihrer! Ich begehre für mich auf Erden nichts mehr." Der Sturm heulte: „Du begehrst für dich auf Erden nichts mehr?!" David war es, als ob eine Faust ihn ergriffe und hoch aufhöbe. Es war ihm, als ob er wie eine Nachtwolke über dem Lande lagerte. Unter ihm trieb die Erde. Unter ihm trieben die bläulich-kalten Felsen der Gebirge, unter ihm wogten die dunkeln Felder. Er sah die Häuser, den Marktplatz, die Menschen von Jerusalem . . . Stimmen tönten und lockten: „Schau! Schau hinab!" David wußte, es waren Versucherstimmen, denen er nicht folgen durfte, wenn er zu Gott dringen wollte, wenn er das Kind retten wollte. Und doch schaute er, voll Wonne des irdischen Schauens. Lärm berauschter Zecher drang herauf. Absalon und seine Freunde tafelten im Saal des Königsschlosses. Trunken schmähten sie König David und spien aus vor ihm. Trunken schmähten sie Gott, der König David, den Mann Gottes, nicht schirmen konnte. Grimm schwoll in der Seele des Königs: „Herr, duldest Du's, daß die Schurken Deinen Namen höhnen? Vernichtest Du Deine Feinde nicht?" Zornig starrte er hinab. Die Erdveste wurde golden und wieder dunkel. Nacht wechselte mit Tag. Joabs Männer stiegen singend von den Bergen herunter. Absalons Heersäulen wälzten sich ihnen entgegen. Die Schlacht entbrannte. Weißer Staub wirbelte den Aufrührern ins Gesicht und blendete ihre Augen. Sie wandten sich zur Flucht.