Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Ernst Waldinger
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 476 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912874-2920200--05246-2920317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
476 MENORAH Weil er ganz ohne Gier, Hebt er ledig und groß, Wie des Erdenrunds zeugend-empf äugender Schoß Hat er niemals begehrt, ward ihm nirgends verwehrt, Und kein Glück, das ihm immer entgleitet, Und dem Wesen gesellt, bleibt dem Scheine er nah, Und dem lächelnden Nein folgt sein jubelndes Ja, Und er strauchelt nicht, stürzt nicht, er schreitet. Wer mit freudigen Füßen die Ferne besiegt, Wer der harrenden Hoffnung entgegengeschmiegt, Die Gewitter besteht und den Wolken entgeht, Die die Schwäche ihm schwankend bereitet; In der Einsamkeit badet das Herz er sich klar, Er zertritt seinen Schmerz und er findet die Schar Und er geht in die Zukunft, er schreitet. Litanei O trag uns nimmermehr aus Fcuersglulen, Aus Brückeneinsturz und aus Wasserfluten, Gib Raum dem Schwerte, daß es uns erreicht, Und stör' die Schlange nicht, die uns beschleicht, Laß deine Felsen donnernd uns begraben, Mag unser Herz die Pest zum Fräße haben, Herr, reit' uns vor uns selbst! Nur zähm' den Rasenden, der sich zei fleischt, Den Nimmersatten, der sich Hunger heischt, Den Gierigen, der die Geduld verflucht, Die Unrast, die sich neue Wege sucht, Wenn sie den rechten Weg auch längst erkannte, Von dem sie zögernd selber sich verbannte, Herr, rctV uns vor uns selbst! O weil nicht länger über der Gemeinde, Denn sie ist stark und einig, unsre Feinde Sind wir uns selber nur, o wehr dem Gift, Dem Selbstmord, der die Seele tödlich trifft, Der Wut, die sich mit eigner Hand erwürgt, Dem Argwohn, der als Besserwissen bürgt, Herr, rett' uns vor uns selbst! O laß uns nicht der Finsternis verfallen, Entreiß uns heil der Mitternächte Krallen, Wo Zweifel, wach, uns auf uns selber hetzt. Und kühl das Wort, das uns mit Haß verletzt, Daß nicht ein Funke unser Mißtrau'n schüre, Und stähl' den Geist, daß er uns nicht verführe, Herr, rett' uns vor uns selbst! Dann läuft der Faden sicher von der Spindel Der alten Parze, schlank und ohne Schwindel Ergehn wir uns am Abgrund, schau'n ins Tal. Vor uns das Leben, hinter uns die Quid, Hintaumclnd zwischen Reue und Verzicht, Und starke Wandrer, schreiten wir ins Licht. Herr, reff uns vor uns selbst. Jylainomenoi Auch ich bin in Arkadien geboren, Nicht immer war ich Hebel, Handgriff nur. Und Motor unter dröhnenden Motoren, Auch ich verfolgte einst die Flötenspur Vom Bach zur Quelle, sah die Sterne fallen. Wie schien der Wald auf meine Liegestatt, Wie sprang ein Sonnenstrahl von Blatt zu Blatt. Wie war die Welt mir tönend und kristallen. Mein Finger war nicht immer nur ein Taster, Mein Blick lief weit und wie ein wildes Fohlen Und mußte nicht, gefangen in ein Raster, Den Sinn aus mitgefangnen Ziffern holen, Kein Rad, das sich mit andern Rädern regt. — Sie wissen alle nicht, warum sie dienen — Kein Herz war ich, um das man Riemen legt, Ventil und Kolben, menschliche Maschinen. Auch ich bin in Arkadien geboren, Zwang eigne Gier mich unter fremde Gier, Uns allen saust die Peitsche um die Ohren, Den Vögten droht der gleiche Hieb wie dir; Das bißchen Ruhe, das uns übrig bleibt, Gilt langer Not und schalen, raschen Freude]}. Der Treiber lernt nur, wie man Zeit vertreibt. Und der Getriebne nur, sie zu vergeuden. Ach, ein Betrieb umfängt uns rettungslos, Und Glieder, rasselnd an den gleichen Ketten, Sind wir von Mutierschoß und Mutlerschoß Bis zu den gleichen Reihn der letzten Betten, Der Sturz des Wassers über tausend Stufen, In Drähten kreisend, stampfend-schnelle Geister Bewegten Eisens, die wir uns erschufen, Wie wir gefesselt, Knecht zugleich und Meister. () diese ganze kalte Raserei, — Hast unsre Arbeit, Taumel das Vergnügen Und Last und Lohn und Brunst und Todesschi-'i Ist diese Wahrheit, voll von Wahn und Lügen.