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Menorah · 1927-08-01 · Heft 8 (August 1927) · p. Seite 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 8 (August 1927)
Article
Ernst Waldinger
Date
1927-08-01
Page
Seite 474 (sequence 2)
Language
German
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474 MENORAH Aus „Die Berufung" ^Wiegenlied im Albtraum Schlägt die Glocke? Mensch, schlaf ein! Eine Türe knarrt am Schrein; Zuckt es hell von Sensensirren? Surrt nicht irrer Schwingen Schwirren — Horch nicht zu, schlaf ein! Klirrt das Fenster? Mensch, schlaf ein! Draußen huscht ein bleicher Schein; Fährt auf einem Wolkcnwagen, Wie vom Blitz zick-zack getragen — Schau nicht hin, schlaf ein! Stöhnt die Ecke? Mensch, schlaf ein! Stimme spricht ein leises „Nein"; Fühlst du an den Haaren Zerren, Athcm seinen Weg versperren — Schließ den Mund, schlaf ein! Nur geduldig — Mensch, schlaf ein! Wirst schon nicht der letzte sein; Jede Angst hat ihre Zeit: Nah ist's weit zur Ewigkeit — Großes Kind, schlaf ein! Arabesken Ihr Arabesken, goldene Gedanken, Dem Nichts entßohn auf elfischen Gelenken, Ihr Unienzarten, blütenreichen Ranken, Die sich dem Alabastergrunde schenken, Wie Engelfiiße, die in Träumen schweben, Sich in den Hauch der höchsten Wolken senken, Ihr flatternd aus dem Geist gesprungnen Reben, Wie sich das faßt und fängt, verfolgt und bindet, Mit tausend Gliedern, die sich lächelnd heben, In ausgelaßner Fruchtbarkeit sich windet, Und sich verrenkt, vergeudet zu Gestalten, Und sich zuletzt beglückt als Eines findet, Sich wieder wirrer, üppiger zu spalten, In Wiesen, Sternenschriften, Dornenhecken, Sich zu verwandeln, ohne einzuhalten, Um so den Sinn aufs neue zu verstecken, Mit einem Zweige lässig sich zu biegen, In einer Krümmung lustig zu erschrecken, In leisem Land der Phantasie zu fliegen, Und sanfte Fratzen, Märchen und Burlesken Im Tanz auf elfischcm Gelenk zu wiegen, Ihr goldenen Gedanken, Arabesken! Ein Sohn ist geboren Daß du Musik hast über uns hinaus, Süßblickender, den unsre Lust beschworen! Dann klingt dir der gelaßne Schritt der Hören. Du bist in deinem Schicksal wohl zu Haus. Verwildert manche Blume noch im Strauß, Und manche gute Frucht bleibt ungegoren; Doch keiner kam, der nicht zum Heil geboren - Daß du Musik hast über uns hinaus! Die dunkle Last, die wir dir auferlegten, Vergib sie uns und unserem Geschlecht; Nur unsrer Sehnsucht werde du gerecht. Und pfleg' sie zärtlicher, als wir sie pflegten. In Lebens Köstlichkeit und wirrem Graus, Daß du Musik hast über uns hinaus! Aus „Gras zwischen den Steinen" Großväter Sie gehn noch heut durch unsre Gegenwart. Aus den gelaßnen Ebnen stammt ihr Schreiten, Und über ihrem langen weißen Bart Stand stets das Lächeln grenzenloser Weiten. Sie kommen an mit ihrer Reisetasche, Sie nicken unserm Kinderdasein zu, Ausklopfen sie der langen Pfeifen Asche An Fenstersimsen ihrer Abendruh. Gemächlich kosten sie von Licht und Wärme Und freun sich ruhig der geschenkten Zeit, Sie gehn durch Leiden wie durch Mückenschwärme Und sind so gut wie die Vergangenheit. Sie führten uns an kleiner Hand spazieren; Sahn durchs Kasernentor wir um die Wette Nicht Säbelfechten oder Exerzieren, Den Posten, steif wie eine Marionette?

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