Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Ernst Waldinger
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 473 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst ^Wal(Linger Ein Lyriker. Wiener Jude. Über die Dreißig, kriegsbeschädigt, ehrsam mit dem Doktor graduiert, ,n unlerbürgerlich-bürgerlichem Beruf, ebensolchem Haushalt. Treibt in freien Stunden Kulturge- < hichte. Das ist das „Signalement" Ernst W a 1 d i n g e r s. von dessen Dichtwerk hier einige Proben folgen. Sie sollen auf dichterischen Wert aufmerksam machen; daß sie ihren Schöpfer bekannt mähen, steht nicht zu erwarten; dazu hat unsere Zeit zu wenig Zeit (weshalb es ebenso undankbare Aufgabe wäre, einen Lyriker zu „machen", wie es undankbare Begabung ist, Lyriker zu sein). Diese Zeitschrift hat nur die Aufgabe, aufmerksam zu machen, Erinnerungen, Hoffnungen, Vergangenheiten und Gegenwarten zumindest in Konturen festzuhalten; in die Gesamtheit der Erscheinungen gehört auch Einzelnes, Vereinzelles, gehören Ahnung und Empfindung — also auch die Neuen, die! nbekannten, die Unbeachteten, die Lyriker, gleichgültig, ob unser Bemühen um sie Widerhall findet oder nicht. Am liebsten lassen wir sie selbst von ihrem Werk und in ihrem sprechen; so auch hier. Waldinger sagt also von seiner Dichtung: „Ich habe meine Lyrik in Reihen zusammengefaßt. In den Druck ist außer einzelnen Gedichten, die im „Prager Tagblatl", in der „Bohemia", der „Wage", der „Menorah", im „Arbeiterjahrbuch pro 1927" erschienen sind, nichts gegangen. In einer Reihe habe ich die Gedichte seit 1919 zusammengefaßt. Diesen „Band", wenn man so sagen darf, habe ich Die Berufung" genannt. Dann habe ich einen Zyklus von Gedichten geschrieben, die versuchen, das Leben eines Stadtmenschen bis zu seinem neunzehnten Jahr wiederzugeben, es heißt; „Gras zwischen den Steinen." Ein Gedichtband „Mainomenoi" will die Stellung des Künstlers zu den Problemen der heutigen Zeit darstellen. Die Bände sind architektonisch gebaut und führen immer von einer Negation zum Positiven. Dieses architektonische Element meiner Dichtung ist — dessen bin ich mir bewußt — geeignet, das Publikum mißtrauisch zu machen. Doch ich betrachte die Form als wesentliches, innerliches Element meiner Dichtung. Meine Gedichte sind daher gewissermaßen indirekte Gedichte. In der Lyrik ist wie in jeder Kunst form eine Polarität zweier Formen festzustellen und ich definiere diese beiden polaren Formen als objektive und formale Gedichte. Der objektive Dichter kommt von außen, von der Erscheinung her; der formale Dichter projiziert seelische Zustände, Erregungszustände nach außen. Da nun beim formalen Dichter nicht, wie beim objektiven Dichter, das Objekt, das milteilbar ist, da ist, sondern seine innerliche Erregung, die nicht mitteilbar ist. so ist er gezwungen, sein inneres Krleben so zu fassen, daß es mitleilbar wird. Dies geschieht durch die formale Arbeit. Daher stellt der formale Dichter, welcher der kühle dichterische Typus zu sein scheint, in Wirklichkeit sich als der eigentliche d i o n y s i s c h e T y p u s dar. der objektive Dichter als der polemische T y p. Gerade der zweite Typ nun erscheint mir in soziologischer Hinsicht als der positive. Während die frühe Lyrik (etwa von Johann Christinn Günther) ständisch, zünftisch, bürgerlich, volklich war, entdeckt sie später das Spontane in der Well, betrachtet zuerst im Impressionismus das Was, nicht das Wie und hat dann nichts mehr mit dem Volk oder einer hinler ihm stehenden Gemeinschaft /u tun. Im Expressionismus erfolgt dieselbe Lösung für die formelle, die subjektive Seite. Was i!>rigbleibl, ist — nichts, isl furchtbare Verzweitlung, ist der Zwang, für sich allein den Weg / i gehen, der gegangen worden ist. Wie aber kann der Dichter dieser Einsamkeil entrinnen? Ich i.; aube: er muß hinabsteigen, bis er erkennt, was sein stilbildendes Element, was sein Grundgefühl i!: die einzelnen Kunstwerke müssen dann s p o n t a n e u n d b e w u ß t e A u s w a h 1 nach diesem f rundgefühl sein, das na t ü r 1 i c h wächst." So empfindet der Dichter Waldinger sein Werk und dessen Beziehung zur Gesamtheit. Nun gilt es /'s prüfen — am eigenen Empfinden des Lesers.