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Menorah · 1927-08-01 · Heft 8 (August 1927) · p. Seite 457

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 8 (August 1927)
Article
Der Künstler Liebermann
Date
1927-08-01
Page
Seite 457 (sequence 5)
Language
German
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DER KÜNSTLER LIEBERMANN 457 Wesens ist Stolz; was er an zarten Regungen hat, verhüllt er; er fürchtet weniger den Zynismus als das Sentiment." Das gilt, wie gesagt, für Liebermann nur bis zu einem gewissen Grade. Denn wo er liebt, liebt er zu stark, um es ganz zu verschweigen. Die Blätter über Israels sind Blätter der Liebe. Sie schämen sich nicht ihres Gefühls, sie scheuen sich nur, es offen auszudrücken. Das ist es, was er auch in seinen Kunstbriefen aufs heftigste befehdet: nicht das Gefühl, sondern seine absichtliche Äußerung. Ebenmäßig und zuchtvoll steht hier der Geist neben dem Gemüt. Er mag dieses mit seinen Besonnenheiten umzäunen. Doch die eigentümliche Enthaltsamkeit, der wir im Wort und Werk des Meisters begegnen, hat ihre tiefere Ursache in seinem durchaus männlichen Wesen. Ist nicht Armut, sondern beherrschte Kraft des Empfindens. Darf man hier, um prägnanter zu sein, auch die jüdische Frage berühren? In der Studie über Israels schreibt Liebermann: ,,Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation und seiner Rasse versenkt sich Israels in die Natur, dorthin, wo sich die Äußerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden.*4 Liebermann bezeichnet also, wenn wir die Stelle richtig verstehen, diese verinnerlichte, aber offenkundige Teilnahme des holländischen Malers an seinen Gestalten als jüdisch. Und geht ihr doch selbst überall aus dem Wege. Wenigstens im Verhältnis zu Israels erscheint er ohne Zweifel objektiv. Also nicht jüdisch? Fragen dieser Art sind immer eine gefährliche Sache. Noch mehr die Antworten. Sie bringen keine Gewißheit. Man kann das jüdische Wesen nicht durch einen Begriff erledigen. Denn mit jedem neuen Fall erweist es sich weit und wandelbar. Gewiß, wie der Maler Liebermann ein Impressionist des Auges, ist der Schreiber ein Impressionist des Geistes, das heißt, er ist in beiden Hinsichten ein Mann der Wahrnehmung. Diese Fähigkeit mag — aus tausend oft erörterten Gründen — im Laufe der Zeiten bei unserem Volke arg verkümmert sein. Nun ist sie wieder da. Das jüdische Wesen entwickelt sich nach der anderen Seite. Gefördert von Umständen des Milieus, noch mehr von Selbstzucht, entsteht ein neuer Typ, der dem andrängenden Gefühl eine strenge Grenze setzt. In Berlin werden Rathenau und Liebermann Zeitgenossen. Aus dieser inneren Veranlagung ergibt sich auch das nähere Gesicht von Liebermanns Schriften. Eigentümlich durchkreuzen sich darin Betrachtungen über die allgemeine Natur der Kunst mit solchen über jene beiden disparaten Künstler oder — anders ausgedrückt —

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