Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Der Künstler Liebermann
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 458 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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458 MENORAH was der Schreiber von ihnen und was er von sich aussagt. Das letztere überwiegt. Und so wird auf ganz wenigen Blättern das Weltbild des Meisters dargeboten. Unter den Anmerkungen von allgemeinem Charakter stehen Sätze über Akademie, „Richtungen" und Publikum, über Arbeit und Kunstfertigkeit, über zweierlei Zeichnen, über den technischen Fortschritt der Kunst, über das Alte und das Moderne und über das Schicksal des Neuen in der Kunst, die in Volksschriften verbreitet werden müßten, um an Stelle der halben und ganzen Lügen, die im Umlauf sind, endlich grundlegende Klarheiten treten zu lassen. Enger noch mit der Persönlichkeit des Autors verknüpft wirkt, was er über das Verhältnis von Natur und Kunst gelegentlich mitteilt. Er zitiert ein Wort Goethes an den Kanzler Müller: „Die Natur ist eine Gans, man muß sie erst zu etwas machen", und später, nun schon beruhigter, den Ausspruch Tschudis: „Die Natur ist die Wiege jeder neuen Entwicklung in der Kunst. Aber es gibt zwei grundverschiedene Arten von Naturalismus. Die einen bemühen sich um die peinliche, kleinliche Wiedergabe, die andern um den großen ganzen Eindruck der farbig leuchtenden Natur. Man muß sie nur sehen lernen. Im Genie vereinigt sich Beobachtung und Intuition, es gibt die Natur durch sein Gesicht. Dabei mag sein Ziel einmal der Stil, das andere Mal der Reflex der Seele sein — in allen Fällen ist das Kunstwerk mit dem Ausdruck vollendet. Und nun erst die Kennzeichnung der Besonderheiten in der Malerei des Degas und des Israels! Von dem gemeinsamen Ausgangspunkt des alltäglichen Lebens nimmt ihre Kunst zwei Wege: bei Degas, der seine Sujets verachtet, geht auch die Novelle völlig auf in Form und Farbe; bei Israels bleibt die tonig dämmernde, niemals schwarze Malerei nur Mittel zum Zweck, der Zweck aber das Pathos eines mitleidsvollen Herzens. Wunderbar und wahrhaft groß bei einem Künstler von so bestimmtem Charakter diese Spannweite der Anschauung, die zwei Welten leidenschaftlich umfaßt, ohne sich selbst zu verlieren. Wunderbar diese gleichgewichtige Erkenntnis sinnlicher und seelischer Werte.... Aber da merke ich, daß mein Raum zu Ende ist, während über das, was die beiden Studien enthalten, noch so viel zu sagen wäre. Das könnte leicht länger werden als jene Schriften. Und das wäre in jeder Hinsicht ungehörig. Man'wird besser daran tun, die Notizen des Meisters zu lesen. Immer wieder und besonders heute, da ein Anlaß gegeben ist, uns seines Besitzes ganz und freudig inne zu werden.