Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Der Künstler Liebermann
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 456 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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456 MENORAH Sätze gebracht. Kein Wunder, daß sie bewegt, bedeutend wirken. Denn sie sind getränkt von werktätiger Erfahrung und Empfindung. Das gleiche gilt fürs übrige. Jeder Satz, jedes Wort in diesen Büchern ist erlebt von einem sichern schaffenden und geistigen Temperament. Denn um das vorwegzunehmen: Geist und Trieb sind hier kein Widerspruch. Liebermann verfügt über einen scharfen Intellekt, vor dem nichts Verschwommenes und Halbschlächtiges besteht. Schon Art und Weg seiner Bildung — denn dieser Künstler ist wie kaum ein zweiter unter den Zeitgenossen ein gebildeter Mann von wahrhaft imposanter Spannweite der Interessen — schon seine Bildung trägt das schöpferische Merkmal. Denn sie ist nicht wahllos aufgeklaubt, sondern charaktervoll ausgewählt und dann, mit Hilfe einer klaren, kühnen Urteilsgabe, die verwirft oder annimmt, rein aufgearbeitet. Sie schmückt nicht, sie dient dem Aufbau der Persönlichkeit. Die Klarheit seines Verstandes legt seinen Standpunkt zu den Dingen der Kunst, also innerhalb seiner Welt fest, läßt ihn überall kritisch unterscheiden und seinen Horizont frei werden. Man wird neben ihm nicht leicht einen Künstler von Format finden, der ihm an Kraft und Weite der Einsichten auch nur nahe käme. Dieser Geist freut sich der scharf zugeschliffenen Antithesen. Man lese nur, wie er den Gegensatz von Talent und Genie, von Popularität und Berühmtheit, von positiver und suggestiver Kunst formuliert. Das ist alles nicht nur brillant gesagt, sondern auch originell und tief gedacht. Dieser Geist arbeitet mit impressionistischer Bravour, blitzhaft erhellt er dunkle Gründe. Er liebt den Kampf und seine Würze, das Salz des Witzes. Aber anders als bei den Literaten ist bei ihm der Witz nie Selbstzweck, sondern nur Waffe, auf die er gern verzichtet, sobald sie nicht mehr vonnöten ist. Denn weit weniger als die Zerstörungen schiefer hergebrachter Kunstmeinungen gilt ihm die Bejahung jedes echten, edlen Schaffens. Darum wirken im Spiel dieses Geistes vor allem jene Stellen beglückend und wie Offenbarungen seines Charakters, wo er — der Meister — in das von seinem Angriff gesäuberte Feld seine Ehrfurcht vor dem Genius pflanzt. Wo also nach dem geharnischten Kämpfer der demütige Künstler rein zu Worte kommt, um die Künstler zu feiern. Niemals zeigt dieser Geist mehr Anmut und Größe als in solchen entwaffneten Augenblicken. Aber auch dann bleibt er sachlich. Denn er mag alles eher als Uberschwenglichkeit, die sich gehen läßt. Bis zu einem gewissen Grade gilt für ihn, wTas er von Degas ausgesagt hat: ,,Der Grundzug seines