Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Der Künstler Liebermann
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 455 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KÜNSTLER LIEBERMANN 455 von relativem Belang, sie haben den Wert ursprünglicher Erkenntnisse. Daß sie nicht vom Verstand, sondern vom blutsverwandten Instinkt gewonnen werden, macht sie nur noch besser. Als solche klare Quellen stellen sich die beiden schmalen Bändchen dar, die wir im Auge haben, um daraus ein Bild des Literaten Liebermann zu schöpfen, nämlich seine Studien über „Israels" und „Degas". Uns liegen aus den Jahren 1918 und 1922 schon die siebenten Auflagen vor. Es sind also gute Bekannte, von deren Eigenschaften wir berichten wollen. Die Sätze, in denen Liebermann Holland und Italien, die beiden Landschaften der Malerei, einander entgegenhält, führen vielleicht am schnellsten in die Atmosphäre seiner Schriften ein. Hier heißt es: „Mit Recht hat man Holland das Land der Malerei par excellence genannt, und es ist kein Zufall, daß Rembrandt ein Holländer war. Die Nebel, die aus dem Wasser emporsteigen und alles wie mit einem durchsichtigen Schleier umfluten, verleihen dem Lande das spezifisch Malerische; die wässerige Atmosphäre läßt die Härte der Konturen verschwinden und gibt der Luft den weichen silbriggrauen Ton; die grellen Lokalfarben werden gedämpft, die Schwere der Schatten wird aufgelöst durch farbige Reflexe: alles erscheint wie in Licht und Luft gebadet. Dazu die Ebene, die das Auge meilenweit ungehindert schweifen läßt, und die mit ihren Abstufungen vom kräftigsten Grün im Vordergrunde bis zu den zartesten Tönen am Horizont für die Malerei wie geschaffen scheint. Vielleicht ist Italien an und für sich pittoresker als Holland; aber wir sehen Italien nur noch in mehr oder weniger schlechten — und meistenteils mehr schlechten — italienischen Veduten: Italien ist zu pittoresk. Holland dagegen erscheint auf den ersten Blick langweilig: wir müssen erst seine heimlichen Schönheiten entdecken. In der Intimität liegt seine Schönheit." Eine Schilderung der malerischen Natur Hollands von dieser Art wird man — vielleicht nicht so schlicht und klar — aber im großen ganzen auch anderwärts finden können. Doch hier ist sie ein liebevolles und — was der ironische Seitenhieb auf das allzu pittoreske Italien nur noch deutlicher macht — ein leidenschaftliches Bekenntnis. Und auch damit nicht genug. Diese einfache, sachliche Schilderung ist der Bericht eines Genies über das auserwählte Land seiner Wahrnehmungen und Gestaltungen, ist in jeder Zeile schaffend erlebt, in jedem Worte wesentlich. Was hier die Feder niederschreibt, ist vom Auge des Schreibers ungezählte Male beglückt gesehen, von seiner Hand in vielen Bildwerken dargestellt. Und nun auf ein paar ruhige