Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Der Künstler Liebermann
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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454 MENORAH keit, ein solches Verständnis und nebstbei so viel Noblesse gezeigt wie dieser. Erst in seiner Kunstbetrachtung erweist er sich als ein Künstler von außerordentlichem Format. Aber während ich mich da bemühe, eine besondere Klasse Kunstschriftstellerei gehörig herauszustreichen, fällt mir ein, daß gerade Liebermann, um den es doch hier geht, dieser und jeder Schreiberei über Kunst recht skeptisch gegenübersteht. „Denn" — so meint er — „man kann eigentlich nur über die Schwächen eines Künstlers schreiben: woher denn auch die meisten Kritiker ihren Helden zu „verreißen" pflegen (was, nebenbei bemerkt, viel amüsanter ist). Um aber einem großen Künstler wahrhaft gerecht zu werden, müßte man seine Kunst in Worte fassen können; man müßte mit Kunst schreiben." Das heißt mit anderen Worten: man müßte Kunst — oder in unserem Fall: Malerei — schreiben. Daß dies bis zu einem beträchtlichen Grade möglich ist, zeigen vor allem Schriften von der Art jener Liebermanns. Und eben darin liegt ihr besonderer Reiz und Wert. Auf das Mehr oder Minder an Schreiberkunst kommt es dabei nicht an; ich kenne Künstler — der kürzlich verstorbene Egger-Lienz gehörte zu ihnen — die unmöglich und doch erleuchtend geschrieben haben. Ob sich das Temperament in brutalen Eruptionen oder in geklärten Formen äußert, das macht keinen Unterschied. Wichtig allein ist, daß in diesen Schriften das eigentümliche, unübersetzbare Wesen der Malerei Wort wird oder zwischen den Zeilen leibhaftig aufsteht. Dann hat alles, was gesagt wird, Bedeutung. Denn es kommt aus jenen Gründen, die der Ästhet — und wäre er ein Meister seines Metiers — niemals erreichen kann: aus dem vorbehaltenen Revier des Gestalters. Sie mögen beide dasselbe sagen — bei dem einen wird es beiläufig oder gar banal wirken, bei dem andern auch das Selbstverständliche neu und mit jener überzeugenden Kraft der Einfalt, die auf sinnlichen Sicherheiten beruht. Bei dem einen kann man Zweifel haben und anderer Meinung sein, das Urteil des zweiten ist nicht zu widerlegen, nur die Törichten werden es versuchen. Man lese nur einmal, was Israels über Morales und Murillo oder was Liebermann über Van Eyck und Velasquez geschrieben haben. Diese Äußerungen widersprechen der gelehrten Tradition, trotzdem sind sie unbestreitbar. Man wird das vielleicht erklären: die Gelehrten haben selten recht, weil sie objektiv sein wollen, die Künstler haben immer recht, weil sie subjektiv sind. Aber damit bleibt man nur an der Oberfläche. Denn die Meinungen der starken Künstler in diesen Dingen sind nicht nur