Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Der Künstler Liebermann
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 446 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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446 MENORAH aus reichem Hause. Solche einleuchtende Sätze sind fast immer falsch. Es ist gewiß angenehm, wenn einen Künstler, der anders will, die herrschende Schicht nicht aushungern, und wenn man überall hingehen kann, wo man am besten zu lernen und zu arbeiten hofft. Aber schließlich sind ja die starken Talente, die arme Jungen waren, auch nicht verhungert und auch in Paris oder Holland oder Italien gewesen, wie es nun gerade ihrer Art entsprach. Es sind alle Idealisten, die das Materielle so überschätzen. Liebermann hat bittere Zeiten zu überstehen gehabt. Der Vater war alten Stiles, jene merkwürdige Mischung von Liebe zu den Kindern und starrer Hausherrschaft, die gerade bei Juden sehr häufig war. Begabte Söhne hatten das zu werden, was ein Vater wollte, um Ehre und Lohn zu erwerben. Künstlerschaft galt damals in solchen Familien nicht viel. Und wenn sie schließlich zugestanden wurde, dann war ein Ausbleiben des Erfolges beinahe ein Verbrechen des Sohnes und etwas, woran der Vater im tiefsten litt. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie Liebermann damals beschimpft wurde. Berlin, als Kunststadt außerhalb der Welt — das hat Liebermann erst geändert — stand ganz in der spätromantischen und akademisch-realistischen Konvention. Anton v. Werner gab den Ton an, auch für die Kritik. Liebermann war der Maler des Häßlichen, der schmutzigen Farben, der „Kotmaier", wie ihn ein Kritiker mit einem aus der spätgriechischen Zeit entlehnten Wort nannte. Wie mußte das auf diesen Vater, auf die ganze Familie, auf den ganzen Kreis wirken! Und in Liebermann war nicht die Spur eines Boheme, der sich losreißt und als Einzelner lebt. In seiner Kunst gab es keine Konzession, er konnte gar nicht anders. Aber im Mittelpunkt seiner menschlichen Existenz stand und steht die Familie, in der sich in seltenster Weise sein ganzes Gefühlsleben erschöpft. Keine Verstimmung konnte an diesem Zusammenhang etwas ändern. Und, obwohl er jahrzehntelang in Holland das Land seiner Kunst sah, kam für ihn eine Niederlassung außerhalb dieses alten Berliner Westens nicht einmal in Frage, wie er auch seine Frau selbstverständlich unter den Töchtern dieses Kreises suchte. Auch war sein Ehrgeiz von dem seines Vaters garnicht so sehr verschieden. Und nun denke man darüber nach, ob Mißerfolg und Hohn wirklich für ihn leichter zu ertragen waren als für einen armen Jungen, für den und für dessen Leute Künstlertum an und für sich schon eine Erhöhung bedeutet und der einsam in dem Atelier einer Kunststadt lebt! Sicher nicht! Und wie drückend ist für den Menschen dieses Kreises die wirtschaftliche Abhängigkeit, die Liebermann jahrelang ertragen mußte, während die bedauerten armen Künstler ganz