Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Der Künstler Liebermann
- Date
- 1927-08-01
- Page
- Seite 447 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DER KÜNSTLER LIEBERMANN 447 unbekümmert von allen Seiten nehmen! Man denke daran, wie Feuerbach sich aus dem geringen Vermögen und dem ärmlichen Verdienst einer Stiefmutter unterstützen ließ, ziemlich ohne ernsthafte Bedenken! Es hing mit Liebermanns Herkunft zusammen, daß er alle Künstlerei in Lebensführung und auch schon in der Tracht ablehnte. Das, was man damals „genial" nannte. Für ihn gab es weder das (falsche) Palais, noch das romantische Atelier mit alten Möbeln und Kunstwerken, noch Schlapphut und fliegende Krawatte, und schon gar nicht Laune und Abenteuer. Er lebte und kleidete sich wie jeder andere Großbürger, sammelte nicht interessanten Hausrat, sondern wertvolle Kunstwerke, sein Atelier war und ist ein einfacher Arbeitsraum, seine Arbeitszeit streng geregelt. „Dieser revolutionäre Maler lebt wie ein Spießbürger'4, sagen die Menschen. Man muß wie ein Spießbürger leben, wenn man Kunst von großer Qualität machen will. Cezanne, Degas, Renoir, alle haben so gelebt, von dem klösterlichen Handwerkerleben Menzels gar nicht zu reden. Für Liebermann war diese strenge Geordnetheit des Lebens von Hause aus selbstverständlich. Er hat nur als junger Mensch eine kurze Zeit den Elegant und Sportsmann gemacht und als solcher gebummelt. Von dem Augenblick an, da er die Kunst als Lebensberuf ansah, setzte die zähe Arbeit ein, die, gerade deshalb, der Achtzigjährige mit so wunderbarer Kraft noch fortsetzen kann. Er brauchte sie. Die Natur hat ihm kein leichtes Talent gegeben. Wohl das begnadete Auge, aber er mußte scharf und dauernd trainieren, bis die Hand so genau und geschmeidig folgte, um das Erlebnis des Augenblicks bannen zu können. Außerdem gab ihm diese Disziplin das, was Menschen der Laune niemals haben: Zeit für alles. Und die brauchte er, ein Mann nicht nur geistiger Bedürfnisse, sondern auch des großen gesellschaftlichen Lebens, in dem er eine Stellung einnahm, die ihm erst die Wirkung auf das Berliner und deutsche Kunstleben gestattete, die einen wesentlichen Teil seines Lebenswerkes ausmacht. Diese Disziplin geht so weit, daß ein eigentlicher Zeitvertreib für ihn gar nicht existiert. Man ist etwas beschämt, wenn er einem sagt: ,,Sie lesen doch auch bloß Bücher, die etwas bedeuten und geben?", daß man das nicht bejahen kann und mit dem Mut zu seiner kleinen Menschlichkeit gestehen muß, daß man auch mal mit Wonne schmökert. Er lebt wirklich nur mit dem Besten. Und seine große Bildung macht ihn zu einem Schriftsteller hohen Ranges.