Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Von Kunst und Künstlern
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 404 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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404 MENORAH traten, bereit ihr Alles herzugeben im Dienste der Kunst, der Menschheit und zu Ehren ihres eigenen Volkes. Die ersten waren: Maurycy Gottlieb, Samuel Hirszenberg und der Bildhauer Henryk Glicenstein. Die damals in Krakau herrschende Vorstellung von Malerei mag im großen der der Historienmalerei entsprochen haben, und so sehen wir zu Beginn seiner Laufbahn auch Maurycy G o 111 i e b im Geiste Matejkos polnische Geschichte malen. Bald aber beginnt aus seinen Werken eine bisnun unbekannte Sehnsucht zu tönen, etwas wie ein jahrtausendalter, durch kein plastisches Gestalten abreagierter Schmerz. Auffallend ist, daß in einem Milieu und zu einer Zeit, wo polnische Geschichte Malerei bedeutete, Gottlieb neue Wege beschreitet, die ihn seinem Volke immer näher zu bringen geeignet waren. War es innerer Drang, oder waren es äußere Gründe, die diesen Umschwung herbeiführten? Wir wissen es nicht und können nur vermuten, daß auch er den Judenhaß zu spüren bekam. Denn nur so können wir uns das Entslehen dieses Bildes „Shylok und Jessica" erklären: Zärtlich umarmt Shylok seine Tochter, deren Blicke in weite Fernen schweifen, und dem ahnenden Vaterherzen entringt sich, wie ein Todesschrei, der Ruf: ,,Jessica, Jessica, mein Kind!" Mit diesem Gemälde wollte Gottlieb der inszenierten Unwahrheit entgegentreten. Im Krakauer Nationalmuseum ist ein Selbstbildnis Gottliebs zu sehen, das einen grenzenlos traurigen Judenkopf mit einer diademartigen Krone darstellt. Dieser Kopf, bei dessen Anblick man von einer unsagbaren Wehmut ergriffen wird, ist „Ahasver" benannt, und man glaubt, das Symbol des geächteten Judentums in ihm zu erkennen. Kaum zum Manne herangereift, starb Gottlieb, aber seine Werke waren reif und Zukunft verheißend. Was ihr rein malerisches Wesen betrifft, kann man in der damaligen Zeit nicht viel gleichwertiges finden. Mit Samuel Hirszenberg entsteht der Malerei ein ganz neuartiger Genremaler, ein Maler der Ghettositten und Gebräuche. Wenn 20 Jahre später, in der Zeit unumschränkter Herrschaft des Impressionismus, Stanislawski seinen Schülern sagte: ,,Malen Sie, meine Herren, das polnische Dorf, denn bald wird es nicht mehr da sein", so hat Hirszenberg diesen inneren Ruf früher vernommen, und was er schuf, war von einer grenzenlosen Liebe zu den Stätten seiner Ahnen und seiner Kindheit erfüllt. Sein großes Gemälde ,,Talmudstudien" im Krakauer Nalionalmtiseum zeigt das Innere eines Belhamidrasch, wo einige Talmudjünger, nach durchstudierter Nacht erschöpft, die Köpfe hängend, noch wie im Traume weiter debattieren. Draußen graut der Tag, die Kerze erlischt . . . Das Bild ist als Malerei wunderbar und die Darstellung der Gestalten von einer rührenden Wahrhaftigkeit. Man glaubt, jedes verklärte Antlitz dieser Jünger irgendwo schon gesehen zu haben und bedauert, daß die großen Meister der Renaissance diese polnischen Chassidim nicht gekannt haben. Wäre dies der Fall gewesen, sie hätten bestimmt zu ihren Darstellungen des heiligen Abendmahles diese Köpfe als Modelle verwendet. Die Kunslatmosphäre in Polen wurde nach dem Tode Matejkos matt und uninteressant, zumal schon zu dessen Lebzeiten für Historienmalerei nicht betreibende Künstler wenig Raum war. Und so verließen viele Künstler ihre Heimat, um in Kunstzenlren anderer Länder Anregung zu suchen. Hirszenberg begibt sich für längeren Aufenthalt nach München, dann weilt er eine Zeit in Paris, welches er verläßt, um von nun an in seiner Geburtsstadt Lodz dauernden Aufenthalt zu nehmen, wo er auch, ohne das Fehlen jedes Kunstmilieus zu vermissen, bis 1905 wohnte. Die Liebe zur Urheimat, die Sehnsucht nach dem Lande seiner Ahnen, veranlaßte ihn, nach Jerusalem zu gehen, wo er seine ewige Ruhestätte fand. Henryk Glicenstein ist einer der bedeutendsten Bildhauer unserer Zeit.