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Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. 403

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Von Kunst und Künstlern
Date
1927-06-01
Page
403 (sequence 1)
Language
German
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VON KUNST UND KÜNSTLERN Von Georg Merkel Das Wesen des Kunstwerkes, die Verkörperung sinnlichen Erlebens, war allzeit nur für Gestaltende faßbar, dem Laien blieb es verdeckt durch undurchdringbare Nebel. Man kleidete die Wesensform des Kunstwerkes in ein Gewand, welches die rein künstlerische Schöpfung mit den Gefühlen und Interessen der Allgemeinheit zu verbinden geeignet war. Dies geschah, um das in seinem Wesen volksfremde Kunstwerk in ein Objekt allgemeinen Interesses zu verwandeln. Die Darstellung paßte sich den Geboten jeweilig herrschender Sitten an und es geschah oft, daß die Kunst ihrerseits Führer des Zeitgeistes werden konnte. Immer war die Kunst dienend gewesen, sei es im Interesse der Religion oder in dem nationaler Eigenart und es hat so sein müssen, wenn die Kunst im Volke ihre Basis haben sollte. Die Aufteilung Polens hatte zur Folge, daß die besten Söhne der Nation glaubten, an der Möglichkeit einer staatlichen und nationalen Wiedergeburt verzweifeln zu müssen, nachdem wiederholte Versuche, die Selbständigkeit durch Waffengewalt zu erkämpfen, mißlungen waren. Der unterdrückten und gedemütigten Nation erstanden aber Geistesheroen, wie Mickiewicz, Slowacki, Krasinski. Nun erkannte man, daß es noch andere Waffen gäbe, mit denen ein Volk seine Eigenart und seine Würde wahren und behaupten könne. Es waren dies die Waffen des Geistes, gehandhabt von den geistigen Führern der Nation. In die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt das Wirken eines polnischen Malers: Jan Matejko. Matejko war Historienmaler, ein Genre, welches damals hie und da geübt wurde, allerdings ohne ähnliche Wirkung, wie die der Werke Matejkos. Freien Nationen ist ihre Vergangenheit „Geschichte", unterdrückten Völkern indessen kann ihre Geschichte Selbstbewußtsein und Hoffnung bedeuten. Die Werke Malejkos führten der Nation Bilder vergangener Pracht vor Augen und weckten die Sehnsucht nach nationaler Wiedergeburt. Ein beispielloser Enthusiasmus begrüßte jede neue Matejkische Schöpfung, er selbst wurde wie ein König gefeiert. Zwar pflegen Monarchen von ihren Völkern oft bejubelt zu werden, aber selten werden sie geliebt, Matejko dagegen war von der ganzen Nation umjubelt und geliebt. Als Kind hörte ich von einer Illumination erzählen, mit welcher meine Heimatstadt Lemberg Matejkos Ankunft begrüßte. Fackelzüge und alle erdenkbaren Huldigungen wurden zu seinen Ehren veranstaltet. Wer seinen Namen noch nicht kannte, erfuhr ihn jetzt, und man kann ruhig behaupten: Mit dem Namen Matejkos drang eine durch reine Vaterlandsliebe geheiligle Vorstellung von Kunst in jede Hütte. Auch in die kleinsten engen Gassen, wo noch nicht europäisierte Juden hausten, in die Synagogen und Jeschibolh drang diese Kunde und wurde dort zur Botschaft, als man vernahm, daß es Werke aus Menschenhand seien, durch die sich ein großes Volk seine nationale Wiedergeburt erhoffe! Bilder? . . . Bilder? .. . Das Interesse und die Neugierde wuchs und es geschah ein Wunder, indem das heilige Feuer der Kunstbegeisterung in die Herzen der Söhne des Ghetto drang und ihnen gebot, die seit Jahrhunderten nicht mehr berechtigte Zurückhaltung von jeder plastischen Gestaltung als unzeitgemäß aufzugeben und die Kunst als den Ausdruck reinsten Menschentums anzusehen. Von nun an konnten auch Juden Kunst als Lebensberuf erwählen. So zeitigte wahre Vaterlandsliebe einer großen Nation durch Kunstbegeisterung aus Söhnen des mißhandelten und gedemütiglen Volkes Geschlechter von Künstlern, welche nun den dornenvollen Weg der Kunst be-

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