Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 397 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AUF DEM HÜGEL 397 mitten im Wege blieben sie plötzlich mit offenen Mündern verwundert stehen. Michalko, der Briefträger, kam ihnen entgegen, stöberte in seinem Leinenbeutel und rief: „Pan Schmiel-Jossje Dach!" Und überreichte Schmiel-Jossje einen viereckigen, weißen Brief. Schmiel-Jossje erschrak und entgegnete nichts. Er glaubte, daß es irgend eine Steuerforderung sei, daß der Sequester mit seinem runden Franz Josefs-Backenbart kommen und Krawall schlagen und Mikoli, der Polizeimann, die gelben Leuchter und ein Kissen unter dem Arme wegtragen würde. Schmiel-Jossje rief den sich entfernenden, barfüßigen Bauern mit dem Leinenbeutel zurück und schrie ihn an, indem er die Stirn in schwere Falten legte und ein Auge zudrückte: „Hör' mal, Schwein, das du bist... Was hat das zu bedeuten? Ha? Du ... sag' mal. .." Aber der Briefträger konnte keine Auskunft geben. ,,Bihme ne znaje (bei Gott, ich weiß nicht)'4, beteuerte er, den Kopf mit bäuerlicher Spitzfindigkeit schüttelnd. „Irgend was wird es gewiß schon sein ... irgend ein Brief wahrscheinlich . . . von irgendwo . . ." Schmiel-Jossje hielt den Brief mit den Fingerspitzen behutsam an einem Zipfel, wie man eine tote Maus am Schwänzchen hält, um sie auf den Kehrichthaufen zu werfen ... Als er in die Stube kam, rief er: ,,Sureh, hier hast du es, hier. . . wo ist sie denn, das Weib, wo? . . . Hier .. Wie die Katzen, die von weitem wittern, wo es was zum Naschen gibt, stürzten die schmutzigen Weiber des Hügels, mit den Kindern auf den Armen, in die Stube. Man riß den Brief auf und ein breites Schmunzeln dehnte die faltigen, sorgenvollen Weibergesichter. Scheindale hatte es gleich heraus, daß es eine Glückwunschkarte des Bräutigams an seine Braut Breindel sei. So etwas hat man auf dem Hüget noch nicht zu sehen bekommen. Ein blaues Blümchen zwischen zwei zarten, rosigen Händen, einer Knaben- und einer Mädchenhand, die einander in Liebe drücken; und oben in der Mitte zwei weiße Täubchen, die sich mit den Schnäbelchen küssen. Darunter in Gold ein ,.leschunuh-tojwuh" und ein in Gold geschriebener, umschnörkelter. deutscher Vers: ,,Viel Glück und Segen dem neuen Jahr entgegen." Diesen Vers hatte Uhrele Schiker*) erst nach den Feiertagen entziffert. Die Weiber lächelten verschämt, schoben verstohlen mit einem Finger ein widerspenstiges Haar unter das Tuch und sprachen seufzend: ..Eine goldene Partie ..." .,Eine solche Partie kann man sich gefallen lassen .. ." Scheindale konnte sich nicht zurückhalten, ihre Nase flammte in offener Feindschaft auf. Sie stellte sich der Schwester gegenüber, deutele mit dem Finger Breindel gerade ins Gesicht hinein und aus ihrem Mundwerk knatterte es plötzlich, wie aus einer Büchse: ..Nu. Breindel Klotz ... so ein Sauglück . .. einen solchen Bräuti- *) Säufer.