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Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 387

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Kinderhochzeit
Date
1927-06-01
Page
Seite 387 (sequence 4)
Language
German
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KINDERHOCHZEIT 387 ihr den Ring anziehen. Doch ich wollte nicht. Da gab mir der Vater eine Ohrfeige und drohte wieder mit der Rute. So mußte ich mich fügen und faßte Süssels Finger. Ich war jedoch sehr böse darüber, daß man mich zwang, Süssels Finger zu nehmen. Daher kniff ich sie tüchtig in den Arm. Sie begann zu weinen. Dann gab Süssels Vater ihr zwei Gulden und mein Vater gab mir denselben Betrag, damit der Friede wiederhergestellt sei. So faßte ich denn Süssels Finger und sprach die Formel zusammen mit dem Großvater, sagte „Maseltow" und begann zu tanzen. Dann wurden Süssel und ich nebeneinander an den Tisch gesetzt und man setzte uns und den Gästen Lebkuchen und eingemachtes Obst vor. Plötzlich brach Süssel in Tränen aus. Die Mutter fragte: „Warum weinst du, Süssel?" Süssel unter Tränen: „Ich will hinaus." Sie wurde hinausgeführt. Darauf ich: „Ich will auch hinaus." Ich wurde auch hinausgeführt und dann wurden wir wieder nebeneinander hingesetzt. Bald aber wurden wir schläfrig, und daher führte mich meine Schwester heim und Süssel wurde schlafen gelegt. Mein einziges Vergnügen an der ganzen Sache war, daß ich die ganze Woche, von Dienstag bis Sonntag, nicht in den Cheder zu gehen brauchte. Am nächsten Tag kamen die Schwiegereltern zum Mittagessen zu uns. Süssel kam mit; ihr Kopf war geschoren und sie trug einen Scheitel, der ihr bis in die Augen fiel. Zum Mittagessen trug die Mutter ein Huhn auf, denn die ganze Woche war in der Stadt kein Fleisch zu haben. .. Nach dem Essen blieb Süssel bei uns. Ihr Scheitel gefiel mir nicht. Als wir zu spielen begannen, riß ich ihr zunächst den Scheitel vom Kopf und jetzt bemerkte ich — ihr Kopf war ganz glatt geschoren. Da begann ich zu schreien: „Pfui, sie hat einen Grind!" Süssel begann vor Scham zu weinen. Mein Vater geriet in Zorn und prügelte mich vor Süssels Augen; dabei hielt er mir meine Sünden vor: „Du Kerl, wirst du noch einmal Süssel den Scheitel vom Kopf reißen und sagen, daß sie einen Grind hat?" Und ich rief unter Tränen: „Nein, Vater, ich werde es nie mehr tun." Süssels Tränen trockneten schnell, vor Freude darüber, daß ich geprügelt wurde. Dann wurde sie nach Hause geführt. Wir aber wurden wieder böse, sie aus Scham darüber, was ich ihr angetan, und ich wegen der Prügel, die ich ihretwegen bekommen hatte. Am nächsten Tag gingen Vater und Mutter zum Schwiegervater zum Mittagessen. Ich wollte nicht mitgehen. So verzehrten die Schwägersleute aliein das Festmahl und Süssel und ich trafen uns nicht. Am Sabbat versammelte Süssels Vater in seiner Wohnung ein Minjan, und mein Vater nahm mich zum Gebet mit. Ich wurde als Sechster zur Thora gerufen, wie es einem jungen Ehemann nach der Hochzeit gebührt. An den Tisch, wo die Thora vorgelesen wurde, war ein Schemel geschoben worden; auf dem stand ich. Der Vater sagte mit mir zusammen den Segensspruch. Einen Tallis hatte er für mich von David,

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