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Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 388

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Kinderhochzeit
Date
1927-06-01
Page
Seite 388 (sequence 5)
Language
German
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388 MENORAH dem Fuhrmann, aus Brest mitbringen lassen. Nach dem Beten wurde wieder Lebkuchen und Branntwein aufgetragen. Ich wurde an den Tisch gesetzt, doch Süssel wollte nicht neben mir sitzen. So vergingen einige Monate und Süssel und ich waren noch immer böse. Als die Pessachtage kamen, nahm meine Mutter Süssel zu uns ins Haus. Man wollte uns versöhnen. Die Mutter gab uns Nüsse, und auch Süssels Mutter schickte uns eine Menge Nüsse, um damit zu spielen. Ich war der einzige Sohn meiner Eltern, und beim Seder stellte ich die vier Fragen*). Auf Süssel schien diese meine Rolle beim Seder Eindruck gemacht zu haben und sie zeigte sich versöhnlich. An den beiden ersten Pessachtagen spielten wir einträchtig mit den Nüssen. Für den Rest der Pessachwoche lud mich der Schwiegervater in sein Haus ein. Die Mutter brachte mich hin. Tagsüber spielte ich mit Süssel, am Abend holte mich die Mutter ab und führte mich nach Hause schlafen. Am nächsten Morgen brachte sie mich wieder zum Schwiegervater. Am letzten Pessachtage hatte ich alle meine Nüsse an Süssel verspielt; denn sie war ein kluges kleines Ding und spielte viel besser als ich. Das brachte mich in Wut, ich riß ihr wieder Haarband und Scheitel vom Kopf und rief — meines Versprechens an den Vater nicht achtend: — „Sie hat einen Grind!..." Damit hatte ich mir eine schöne Suppe eingebrockt! Süssel lief weinend zu ihrer Mutter und die wurde so böse, daß sie mir eine Ohrfeige gab. Süssels Vater sagte, er werde mir schon eine gehörige Tracht Prügel bei meinem Rebben**) bestellen. Ich lief nach Hause, doch bald kam der Schwiegervater und verklagte mich bei meinem Vater: ,,Das ist ein ausgelassener Junge, der muß einmal eine solche Portion Prügel kriegen, daß er sich's merkt." Diese Generalexekution wurde meinem Rebben übertragen und er erfüllte seine Aufgabe gründlich. Seither ließ ich mir's nie mehr einfallen, Süssel den Scheitel vom Kopf zu reißen und ihr einen Kopfgrind anzudichten. Doch wir waren ein ganzes Jahr lang, bis zum nächsten Pessach, böse. Wieder brachte die Schwiegermutter Süssel für die Pessachtage zu uns und beide Mütter bemühten sich, zwischen den ,,Eheleuten" Frieden zu stiften. Und der Friede war diesmal von Dauer, wir stritten nicht mehr miteinander. Süssels Haare waren wieder nachgewachsen, sie legte den Scheitel ab und wir spielten darin mit den Nüssen; früher hatten wir dazu mein Käppchen benützt. Als wir etwa zwölf Jahre alt waren, enthüllte mir erst mein Vater das Geheimnis, daß wir Mann und Frau seien. Auch Süssel erfuhr dies von ihren Eltern und wir gründeten einen eigenen Hausstand ... So leben wir bis heute, Gott sei Dank, als Eheleute... *) Die vier Fragen nach der besonderen Bedeutung der Pessachnacht, die in der Hagadah enthalten sind, werden beim Seder von dem jüngsten männlichen Mitglied der Familie vorgelesen. **) Rebbe wird auch der Elementarlehrer, der Melamed, genannt.

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