Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 378

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Das Antlitz der Assimilation
Date
1927-06-01
Page
Seite 378 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912873-2919878--05017-2920056
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

378 MENORAH Staatsidee und aller ihr zur Verfügung stehenden Mittel für die Festigung des staatlichen Bewußtseins unter allen Bürgern, kulturell hingegen kraft der immanenten Energie der hochentwickelten polnischen Kultur, welche auf die jüdische Gesamtheit einen konstanten Einfluß ausübt, angefangen von der Schulbank durch alle späteren Verflechtungen im Leben des einzelnen wie aller zusammen, in der Wissenschaft, Literatur und Kunst. Diesem Einfluß ergibt sich die jüdische Intelligenz bis zu einer gewissen Grenze freiwillig, ohne Scheu für ihre eigene jüdisch-nationale Weltanschauung und für die Entwicklung ihrer eigenen Kulturwerte. Es ist wohlbekannt, daß die besten polnischen Schriftsteller ihren dankbarsten Leserkreis innerhalb der jüdisch-nationalen Jugend beider Geschlechter finden, ebenso, daß die besten Werke der polnischen Lite ratur und Dichtung dem jüdischen Schrifttum in hebräischem Gewände einverleibt wurden (so Mickiewicz, einzelne Werke von Krasinski, Slowacki und Sienkiewicz). Es ist also ersichtlich, daß jenes Assimilationsprogramm, welches Jahrzehnte hindurch mit gewiß unzulänglichen Mitteln seitens der jüdischen Assimilationspartei angestrebt wurde, sich heute bis zu einem gewissen Grade ohne ihr Hinzutun, kraft der neugeschaffenen Situation, wenn auch in anderer Form, von selbst verwirklicht. Daraus folgt aber, daß die Assimilation als eine aktive, das Gesamtleben mitgestaltende parteigemäße Bewegung, insoferne ihre Mission nach a u ß e n in Betracht kommt, jede Daseinsberechtigung verloren hat, jede Berechtigung, das öffentliche Leben der polnischen Judenschaft im Verhältnis zur polnischen Nation und zur polnischen Staatsidee mit zu normieren. JLjs ist von hohem Interesse und lehrreich, auch die Assimilationstendenzen in Polen mit denen in Westeuropa, namentlich aber in Deutschland, von wo die mächtigsten Kultureinflüsse zum polnischen Judentum hinströmten, zu vergleichen. Hier ging die Assimilationsbewegung nach außen (mit dem deutschen Volke) stets Hand in Hand mit gewissen ideellen Bestrebungen nach innen, welche auch in gewissen positiven Programmen ihre Kristallisierung und Formulierung gefunden haben. Wird doch die ganze Kulturgeschichte des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert bis zum Auftritt des Zionismus und der ihm adäquaten nationalen Weltanschauung wesentlich gekennzeichnet durch diesen Ideenkampf zwischen dem Liberalismus, dem religiösen Aspekt der Assimilation (Streichung Jerusalems aus den Gebetbüchern wie auch Eliminierung der nationalen Erlösung aus dem Komplex der Messiasidee) und dem Konservatismus, dem gleichfalls religiösen Ausdruck des unterbewußt schlummernden Triebes der nationalen Selbstbehauptung. (Genaueste Beobachtung aller auf die Gebundenheit der nationalen Einheit hinzielenden Ritualvorschriften im täglichen Leben.) Abraham Geiger von der einen und Samson Raphael Hirsch von der anderen Seite sind noch bis heute die Personifizierungen dieses langjährigen Ideenkampfes. II.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.