Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Das Antlitz der Assimilation
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 377 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912873-2919878--05016-2920055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DAS ANTLITZ DER ASSIMILATION ie ideelle Gruppierung des polnischen Judentums der letzten Jahre M-J weist ein auffallendes Kennzeichen auf: den vollständigen Verfall der Assimilation als einer aktiven, das soziale Leben der Gesamtheit mitgestaltenden Bewegung. Vor dem Weltkriege waren die assimilierenden Tendenzen sowohl in Kongreßpolen wie auch in Galizien, zumindest innerhalb der Berufsintelligenz und der höheren Schichten der Kaufmannschaft, ziemlich einflußreich und lebenskräftig. Beweis dessen allerlei gesellschaftliche Verbände und eigene Presseorgane, um nur die Warschauer Wochenschrift „Izraelita" zu erwähnen, welche beinahe ein halbes Jahrhundert (1865 bis 1912) in respektabler Weise den Gedanken der politischen und kulturellen Verschmelzung mit der polnischen Nation konsequent propagierte, ferner das Organ der galizischen Assimilation „Ojczyzna" in den Achtzigerjahren, welches zwei Jahrzehnte später von der Wochenschrift „Jednosc" und dem Organ der akademischen Jugend „Zjednoczenie" abgelöst wurde — alle in Lemberg herausgegeben. Die Assimilation vor dem Kriege war allenfalls eine Strömung von klar umschriebenem Willen, eine gut organisierte, vitale, selbst offensive Bewegung, an der selbst die jüdisch-nationale Idee und der Zionismus in seiner ideellen Entwicklung sich im polemischen Kampf geschärft und vertieft hat. Anders nach dem Kriege. Mit dem Momente der Wiederaufrichtung des polnischen Staates verstummt mit einemmal die Assimilation hüben und drüben, politisch wie kulturell wird sie einfach spontan ausgeschaltet, an ihre Stelle tritt die jüdisch-nationale Bewegung, welche mit elementarer Kraft die breiten Schichten der Intelligenz und des Mittelstandes, vor allem aber die Jugend aus allerlei Schichten in ihren Bann zwingt. Ihre Gegner nach innen sind von rechts die äußerste Orthodoxie, vereinigt in der „Aguda", von links der „Bund", die Assimilation dagegen hat sich vom Kampfplatz vollständig zurückgezogen, auf dem sie sich Jahrzehnte vorher kräftig behauptet hatte. Wie ist diese Erscheinung zu erklären und wie ist sie vom Gesichtspunkte des Gesamtjudentums zu werten? Die Erklärung ist leicht zu finden. Das Antlitz der Assimilation in Polen war von jeher fast ausschließlich nach außen gerichtet, ihr Wesen bestand im Problem, wie die jüdische Gesamtheit in dem polnischen Volke politisch und kulturell am schnellsten und am leichtesten aufgehen könnte, und in dieser Richtung bewegten sich auch alle Bemühungen ihrer Anhänger. Dieses Programm nun erfüllt sich seit der Auferstehung des polnischen Staates stufenweise von selbst als ein natürlicher Prozeß, selbstverständlich in soziologisch modifizierter Weise: politisch vollzieht sich der Prozeß der bürgerlichen Verschmelzung der Juden kraft der vor und nach dem Weltkriege Von Rabbiner Univ.-Prof. Moses Schorr L