Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 367

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Die parlamentarische Politik
Date
1927-06-01
Page
Seite 367 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912873-2919868--04988-2920045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE PARLAMENTARISCHE POLITIK 367 faltung der eigenen, nationalen Kultur, unter Wahrung des entsprechenden Anteils an den für die Kultur- und Unterrichtszwecke bestimmten Posten des allgemeinen Staatsbudgets. Während also die Ansichten aller Gruppen im jüdischen Klub in den Fragen der Gleichberechtigung, sowohl der individuellen, als auch der kollektiven, in allgemeinen Umrissen übereinstimmen, muß in den Anschauungen über den Inhalt der nationalen Kultur das Bestehen bedeutender Divergenzen betont werden, die vorläufig die Ausarbeitung eines vollständig einheitlichen Programms unmöglich machen. Für die praktische Tätigkeit des Klubs bedeuten jedoch diese Mängel kein allzu großes Hindernis, und zwar aus dem Grunde, weil unter den gegenwärtigen Verhältnissen das polnische Judentum, sowohl auf dem Gebiete der Gleichberechtigung als auch auf dem der nationalen Kultur, den eigentlichen Zeitpunkt einer schöpferischen Arbeit noch nicht erreicht hat. Vorläufig reduziert sich alles vorwiegend auf die politische Defensive: wir besitzen noch keine ausgesprochene staatsbürgerliche Gleichberechtigung, wir verteidigen uns gegen das Unrecht und verlangen die Aufhebung der Beschränkungen; man verdrängt uns mit Gewaltmitteln aus wirtschaftlichen Stellungen, man raubt uns unsere Erwerbsquellen — wir fordern die Unterlassung der Boykott- und Exterminationspolitik, wir verlangen, daß die Aktion betreffend die Einziehung der Monopolkonzessionen eingestellt, daß jüdische Arbeiter aus staatlichen Monopolfabriken nicht entfernt werden und daß man uns von dem Genüsse der staatlichen Kredite nicht ausschließe. Es ist dies mehr eine negative Politik, und bei einer Defensive kommt es nicht auf Details an, sondern auf die allgemeinen, prinzipiellen Richtlinien, worüber eine Verständigung leichter erreicht werden kann. Ähnlich steht es auch vorläufig um die politische Arbeit auf dem Gebiete der nationalen Kultur. Jede Gruppe stellt sich anders die jüdische Gemeinde und ihre Tätigkeit vor, jede will die Schaffung einer anderen jüdischen Schule, mit einem anderen Programm. Da wir aber noch keine einheitliche jüdische Gemeinde besitzen, verlangen wir vorläufig gemeinsam ein einheitliches Gesetz über die jüdischen Gemeinden und deren Organisierung in ganz Polen auf der Basis des demokratischesten von allen gegenwärtig geltenden Gesetzen, nämlich desjenigen, das im alten Kongreßpolen seit 1919 in Geltung ist. Schulen, die vom Staate Beitragsleistungen erhalten, besitzen wir gleichfalls nicht, wir verlangen daher vorläufig die Anerkennung unserer Schulen und deren Unterstützung, die Frage der Vortragssprache aber bitten wir den Eltern zu überlassen. Erst nachdem wir die Defensivstellungen verlassen haben und beginnen werden, im Rahmen der uns gewährten Rechte selbst etwas zu schaffen — dann erst werden sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen so weit verschärfen, daß die Einhaltung einer gemeinsamen Front wahrscheinlich ungemein schwierig werden wird. Diese Divergenzen werden sich noch wegen der Meinungsverschiedenheiten in der Frage der Taktik unserer parlamentarischen Vertretung steigern. In diesem Belange sind die Unterschiede nicht so sehr parteimäßig, als vielmehr Sache der Tradition. Ein Teil der jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.