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Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 368

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Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Die parlamentarische Politik
Date
1927-06-01
Page
Seite 368 (sequence 4)
Language
German
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368 MENORAH Abgeordneten stammt aus dem alten Österreich, das seit Jahrzehnten eine parlamentarische Verfassung besaß und auf den Prinzipien eines Nationalitätenstaates aufgebaut war, wo man alles durch zwischenparteiliche Vereinbarungen und auf dem Wege des Kompromisses und gegenseitigen Nachgebens erreichte, in der Voraussicht, daß bei einer günstigeren Konjunktur auch das wird erhandelt werden können, was man diesmal konzediert hat. Ein anderer Teil dagegen wurde im zaristischen Rußland erzogen, wo das parlamentarische Leben erst in Bildung begriffen war, wo man einen scharfen Kampf mit dem Zarismus zu führen hatte, wo keine Opfer gescheut wurden und es kein Nachgeben gab, da jedes Nachgeben zur nicht wieder gutzumachenden Niederlage geworden wäre, wo der Staat auf dem Prinzip einer herrschenden Nation aufgebaut war und die Minderheiten nur mit Durchschlagskraft zu erreichen suchten, was ihnen gebührte. Im jüdischen Klub bestehen diese beiden politischen Traditionen beieinander, bekämpfen einander und jedes politische Beginnen erfordert das Suchen einer gemeinsamen Plattform, was die ganze Arbeit ungemein erschwert. Nun ist aber Polen weder das alte Österreich noch das zaristische Rußland, es ist etwas ganz anderes, ein Novum, das neue politische Methoden und eine neue Taktik erheischt. Dieses Suchen ist um so schwieriger, als eigentlich Polen selbst, als Staat, sich in dieser Hinsicht noch nicht konsolidiert hat und sowohl in der Regierung als auch in der Gesellschaft die österreichischen Traditionen und Methoden neben den zaristisch-russischen und hakatistisch-preußischen bestehen und es noch unmöglich ist, jene Resultante zu bezeichnen, die aus diesen Reibungen hervorgehen wird und an welche die Juden ihre Politik werden anpassen müssen. Von dem System, das sich in Polen durchsetzen wird, hängt in großem Maße auch der Weg ab, den man bei der Bildung der künftigen parlamentarischen Vertretung des Judentums wird beschreiten müssen. Sollte die österreichische Tradition siegen, wird es von größter Wichtigkeit sein, eine zahlreiche, wenn auch innerlich weniger wertvolle Vertretung zu schaffen, die aber eine quantitative Macht auf dem parlamentarischen Boden darstellen wird. Wenn sich aber die russischen und preußischen Elemente durchsetzen werden, wird die Zahl keine so große Rolle spielen, sondern es wird auf die Qualität ankommen, und zwar nicht im Sinne der Fähigkeit zur technisch-gesetzgeberischen, parlamentarischen Arbeit, sondern im Sinne der Entschlossenheit und der politischen Standhaftigkeit, des Mutes und der nationalen Würde. Das sind alles Zukunftsprobleme, die gegenwärtig noch keine Lösung finden können, da das Fundament selbst, undzwar jene Faktoren, von denen die Entscheidung abhängt, noch nicht gefestigt ist, noch keine dauernden Formen angenommen hat, sondern sich gleichsam im flüssigen Zustande des Werdens und Entstehens befindet. Vorläufig sind aber diese Probleme von keiner solch großen Bedeutung, denn die gemeinsame Front wird bei einer Defensive mit Leichtigkeit hergestellt und die Politik des jüdischen Klubs muß gegenwärtig leider noch den Weg der Abwehr gehen, einer Abwehr zwar, die bereits schöpferische Momente enthält, aber doch eine Abwehr ist.

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