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Menorah · 1927-05-01 · Heft 5 (Mai 1927) · p. Seite 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 5 (Mai 1927)
Article
Der Judenbaum
Date
1927-05-01
Page
Seite 306 (sequence 3)
Language
German
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306 MENORAH behüte! Wir kriegen dich schon anders noch herab. Wir wollen einmal eins drunterheizen!" „Gott meiner Väter!'4 ächzte oben der kleine Alte und zog die Beine ein, als empfinde er jetzt schon den sengenden Qualm. Allmählich hatte sich der Himmel grau umzogen, und die Waldgegend in der weiten Runde lag schier düster da, und eine schwere, einsame Stimmung verkündete den nahen Abend. Der Hanns Holler stand an der Kiefer und schaute verdrießlich nach den Leuten aus. Allein getraute er sich mit dem Juden, der jetzt eine vorteilhafte Stellung hatte, nicht fertig zu werden. Sollten sie just heute den viel weiteren Talweg gewählt haben? Daß nur der Teufel an diesem Tag beim Talwirt gerade eine Tanzmusik geben muß! Da sind stundenweit um alle Beine verhext und finden nicht heim. „Herrgott Zebaoth, sie kommen!" rief der Jude auf dem Baum. „Na, Gott sei Dank!" atmete der Hanns Holler auf, aber als er sah, wer da kam, stieß er einen kreischenden Schreckruf aus und schoß in rasender Angst um den Baum herum. Die Wölfe kamen, ein ganzes Rudel — pfeilschnell stoben sie, nach einem Sonntagsbraten lechzend, über die Heide heran. Da wurde der stattliche, sonst so würdevolle Dorfrichter gar bchendig, wie eine Wildkatze kletterte er den Stamm empor ins Astwerk — und jetzt waren die Bestien auch schon unten. Sie umkreisten den Stamm, sie heulten, daß es einem das Ohr zerriß, sie scharrten an der Baumrinde und bissen wütend hinein und taten, als wollten sie's versuchen mit dem Klettern. „Schön guten Abend, Hanns Holler!" spottete der Jude. Dem Dorfrichter verging fast Hören und Sehen. Gerade über seinem Haupte hockt der Hausierer, einen einzigen Fußtritt braucht's, und der Hanns liegt unten — aber er fällt nicht auf den harten Boden, er fällt auf den Rücken der wilden Hunde. „Gelobt sei Gott, Hanns, du bist auf dem Stamm Judas. Und geht dein Wunsch in Erfüllung, daß mich die Wölfe zerreißen, so bist du bei mir!" So der Jude. Der Bauer tat einen Fluch nach aufwärts und einen nach abwärts, und dann hub er an kläglich zu schreien. Der nächste Waldbestand gab ihm Antwort, sonst blieb alles still weitum, und es kam keine Hilfe. Die Leute von Stübau waren längst draußen beim Talwirt und tanzten in heller Lust. „Du mußt dir's bequemer machen, Nachbar," sagte der Jude, „hebe dich weiter herauf zu mir, die Ungeheuer werden die ganze Nacht bleiben." „Gott verdamm's! Gott verdamm's!" knirschte der Hanns, der sich zitternd an den Ästen festhielt und die Beine um den Stamm geschlungen hatte, so weit sie reichten. Von jetzt an kehrte er alle seine Schimpfworte gegen die Wölfe und keins mehr gegen den Juden. Es begann zu nachten. Die Dämmerung wurde zeitweilig durch Blitze unterbrochen, die allmählich auch den Donner aufweckten.

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