Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Der Judenbaum
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 305 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DER JUDENBAUM 305 vergnügt und hat demselben zur Ehre hernach mit eigener Hand mehr als ein halb Dutzend Juden ins Gefängnis geliefert. Da war es eines Tages, daß der Ortsrichter von Stübau allein mit seinem stattlichen Stocke vom Nachmittagsgottesdienste aus der entfernten Kirche heimging. Er mußte durch den Göllenwald wandern und kam auf die Heide hinaus, wo nur wenige Stämmchen der Lärche standen. Und zwischen diesen Stämmchen hindurch erblickte er einen Juden. Der war auf dem Grase gehockt und hatte eben gebetet. Als er nun den stattlichen Mann gewahrte, hatte er sein Bündel allsogleich fester an sich gerissen und war in seiner flatternden Kutte dahingehuscht. Der Richter setzte ihm nach und rief — so gut es der Atem erlaubte — allerlei fromme Wünsche aus: ,,Du Rabenbraten, wenn ich dich bei deinem Geißbart ertappe! Meinen Haushund hast du mir vergiftet, das zahl' ich dir! mit Zinsen zahl' ich dir's, daß dich die Wölfe zerreißen! — Auskommst du mir nicht heut, und wenn dir dein Gott Isaaks und Jakobs zehnmal —!" Beim Gott Isaaks und Jakobs war nun zwar der Hanns Holler arg über eine Baumwurzel gestolpert, aber er war schon so nahe hinter dem Juden, daß dieser sah, es gäbe kein Entkommen mehr, noch mehrmals um ein Bäumlein tänzelte, dann einer alten Rotkiefer zulief. Die Rotkiefer stand mitten auf der Heide und reckte ihre knorrigen, zuhalb dürren und zuhalb buschigen Äste hoch und wild in den Himmel hinein. Der Baum war weit und breit zu sehen in der Gegend, und oft umkreisten Habichte seine struppige Krone. Es ging auch eine Sage, daß die Hexen, wenn sie dem Blocksberge zuritten, auf dieser alten Kiefer Rast hielten. Und was derlei Glaubensartikel der guten alten Zeit mehr waren. Diesem Baume strebte der verfolgte Jude zu, und in der Angst behendig wie ein Eichhörnchen, kletterte er mitsamt dem Bündel den Stamm hinan. Hoch hinan von Ast zu Ast, bis er sich oben im dichten Reisergeflechte verkroch und verwob. Der Ortsrichter von Stübau blieb verwundert stehen, dann sagte er: „Ist mir schon recht das, ist mir recht! Jetzt kommst mir nimmer aus, JudM Bist schon hin." Machte aber keine Miene, nachzuklettern. ,,Ich warte hier nur und halte Wacht,*' fuhr der Bauer in offener Darlegung seines Planes fort, ,,bis die übrigen Stüberleut' aus der Kirche kommen, dann wollen wir dich schon salben, aber nicht so, wie der Samuel den Saul gesalbt hat! — Sie werden bald da sein." So stand nun der ehrsame Hanns am Baum zur Judenwacht und hielt den Stock fest in der Hand. Er wartete auf die Leute seines Dorfes, die den Kirchweg zurückkommen sollten, aber immer noch nicht in Sicht waren. Es war sehr still auf der Heide, gar sonntäglich still, nur ganz in der Ferne hörte man Hundegebell. Der Jude oben, welcher sich eine Weile gar ruhig verhalten hatte, tat jetzt den Mund auf und rief aus seinem Geäste herab: ,,Mir träumt, der Herr Richter steigt heut' auch noch herauf zu mir!" „Dem Juden nachsteigen!" knurrte der Großbauer, „daß mich Gott