Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Aus der Sammlung "Briefe"
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 285 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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- IRI
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AUS DER SAMMLUNG „BRIEFE" 285 heit darstellt — gehört ins Reich der Legende. Das Buch bezeugt im allgemeinen in Inhalt und Stil, daß es von Menschen mit glühender Phantasie geschrieben wurde, Phantasten und Träumer, von Eifer für ihren Glauben verzehrt. Die Zeugenschaft solcher Menschen hat in historischem Sinne gar keinen Wert. Deine Worte betreffs des nationalen Individualismus, im Gegensatze zum persönlichen, sind richtig und einleuchtend. Ich bin erstaunt, daß Du nicht bemerkt hast, daß darin die Antwort enthalten ist auf Deinen Einwand gegen die Ausführungen in meinem Aufsatze „Auf den zwei Ästen". Da das Ziel des Judentums das Nationalindividuum und nicht das Einzelindividuum ist, das kommt und geht, deshalb ist es unmöglich zu sagen, daß die Ethik des Judentums den persönlichen praktischen Altruismus beabsichtigt. In den Dingen zwischen Mensch und Mensch herrscht in der jüdischen Ethik auch das soziale Prinzip, das ist die Gerechtigkeit. Aber der „Altruismus" an sich ist ein Begriff, der der Gerechtigkeit und dem sozialen Leben widerspricht. Vielleicht hast Du nicht unterschieden, daß ich über den „Altruismus" im reinen Sinne spreche, das heißt: der andere ist die Hauptsache und ich die Nebensache. Aber ich umfasse nicht mit diesem Begriffe (wie andere es zu tun pflegen) jedes Werk der Liebe und Gerechtigkeit, das ein Mensch uninteressiert anderen Menschen gegenüber tut. Das ist in Wahrheit kein Altruismus, sondern die Gerechtigkeit selber. Wrenn von zwei Geschöpfen eines dem anderen helfen kann, ohne sein Leben zu opfern — ist es verpflichtet zu helfen. Ich werde vielleicht auf dieses Thema noch eingehender zurückkommen. Ich werde mich bezüglich des Restes kürzer fassen, da meine Ausführungen sich in die Länge gezogen haben. So oft ich ein Schreiben von Dir erhalte, übersiedle ich mit Dir in eine andere Welt, in Deine Literaturwelt, in der Du domizilierst, während ich dort nur zeitweiliger Gast bin. Wie angenehm es mir ist, die Luft jener Welt zu atmen, da ich, in Nebel gehüllt, in der Finsternis der City sitze, wirst Du selber verstehen. Diesen Winter, wie ich Dir geschrieben hatte, hoffte ich arbeiten zu können, doch gelang mir nichts bis jetzt. Weshalb? Ich w7eiß es selber nicht, so verfließen mir die Tage und die Nächte. Wenn Du meine Hausgenossen oder meine Bekannten fragen würdest, werden sie Dir sagen, daß ich Tag und Nacht arbeite. Und so ist es in Wahrheit. Nur daß dieser Arbeit das „Wesentliche" fehlt. Manchmal bedeutet sie Zeitungslektüre und manchmal Briefschreiben usw. Denn meine Kraft saugt mein Arbeitszimmer in der City auf und am Abend bin ich schlaff. Vor einigen