Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Aus der Sammlung "Briefe"
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 283 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AUS DER SAMMLUNG „BRIEFE" 283 schrieben wäre, das hätte ich seit langem gewünscht. Trotzdem ist es unmöglich, in absolutem Tone zu sagen, wie Du es in Deiner Einleitung getan, daß diese Anschauung unter uns überhaupt nicht vorhanden war und nur theologische und teleologische Auflassungen alleinherrschend waren. (Laut Deiner Terminologie.) Du erwähntest nicht, daß die Anhänger letzterer Anschauungen sich nicht in den engen Kreis einschlössen, sondern in vielen Fällen die Grenze überschritten und verschiedene Erscheinungen in mehr wissenschaftlicher Weise zu erklären versuchten. Zum Beispiel die Paradigmen selber, die Du angeführt hast: a) J a b n e. Kannst Du wirklich sagen, daß bis jetzt die Auffassung eine wissenschaftliche, akademische war? Schon Grätz selber deutet einige Male an, daß das Ziel von Jabne praktisch national war (Teil 4, Abschnitt 1) und so sagten auch andere, b) Ph arisäer und Sadduzäer. Ich staune sehr, wie es möglich sei zu behaupten, daß man bis jetzt zwischen ihnen nur Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich Glaubens- und Religionsfragen sah. Hat nicht noch Geiger (,,Urschrift") eingesehen, daß hier auch ein politisches Moment war, und haben nicht viele Forscher versucht, bereits besonders diese Seite zu betonen? Und anderseits warst Du nicht letzten Endes gezwungen auch Du anzuerkennen (S. 365), daß das Wesen des Streites zwischen beiden Parteien religiöser Natur war? Ist dem so, dann ist zwischen Dir und Deinen Vorgängern nur ein quantitativer Unterschied — indem Du mehr Aufmerksamkeit der Verknüpfung solcher Erscheinungen mit dem allgemeinen Leben zugewendet hast — und kein grundlegender Unterschied. Deshalb scheint mir, daß Du es nicht nötig hattest, die Sache so apodiktisch darzustellen, sondern Du hättest sagen sollen, daß tatsächlich hie und da die Neigung vorhanden war, unsere Geschichte in Verbindung mit allgemeinen historischen Gesetzen zu erklären; sie ging lediglich nicht über vereinzelte, zufällige Versuche hinaus, während Du kamst, um dies zur Basis eines vollständigen, die gesamte Geschichte umfassenden Werkes zu machen. Aber im Grunde habe ich es nicht nötig zu sagen, wie sehr ich mich über den Anfang freue, den Du gemacht hast, ebensowenig brauche ich Dir zu sagen, daß das, was Du „soziologische Anschauung" nennst, in meinen Augen die einzige Auffassung ist, die es ermöglicht, den Gang unserer Geschichte zu verstehen. Ich befasse mich nicht ständig mit der Geschichte, aber so oft ich historische Erscheinungen berührte, bemühte ich mich, sie immer in dieser Weise zu verstehen — wenn auch in Kürze und andeutungsweise nach meinem Bedarf. Zum Beispiel in meinem Aufsatze „Körper und Geist" wirst Du eine Anschauung an-