Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Aus der Sammlung "Briefe"
- Date
- 1927-05-01
- Page
- 282 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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AUS DER SAMMLUNG „BRIEFE" Von Achad Haam London, 26. Janua r 1911 (26. Tebeth 5671) An Herrn Sch. D üb now in Petersburg eit mehr als einem Monat befindet sich der erste Teil Deiner Geschichte — den Du so liebenswürdig warst, mir zu senden — in meiner Hand und seit mehr denn zwei Wochen auch Dein liebes Schreiben vom ersten Tebeth aus Finnland. Wenn ich Dir bis nun auf das erste nicht erwiderte und für das zweite nicht dankte, dann kennst Du bereits meine Rechtfertigung. Noch immer verfließen meine Tage in Hast und Nichtigkeit. Immerzu tröste ich mich selber mit der Hoffnung*), „wenn ich Muße haben werde, werde ich lernen", inzwischen finde ich nicht einmal die Muße, um die neuen Bücher zu lesen, die sich in den letzten Monaten bei mir angesammelt haben. Lediglich gestern war ich in der Lage, die Abendstunden der Lektüre Deines Buches zu widmen. Solange ich dies nicht getan hatte, wollte ich Dir nicht schreiben, damit mein Schreiben nicht geistigen Inhalt vermissen lasse. Also nahm ich gestern in Dein Buch Einblick. Ich las die Einleitung, die Abschnitte: „Die Grundlage der israelitischen Kultur", „Die Entstehung der christlichen Religion" und noch verschiedene Spalten. Ein wenig hier, ein wenig dort. Über das Buch im allgemeinen will ich mich nicht verbreiten. Ich wollte Dir wirklich sagen: ein schönes Werk hast Du vollbracht. Obwohl dies in Wahrheit mein innerer Eindruck ist, glaube ich doch nicht, ein Recht dazu zu besitzen, solange ich nicht das Buch vom Anfang bis zum Ende durchgelesen habe. Aber gewiß wird es Dir lieber sein zu hören, was mir in den Abschnitten, die ich gelesen habe, nicht gefiel, denn Komplimente brauchst Du keine. In Deiner Einleitung gingst Du hinsichtlich der soziologischen Geschichtsauffassung nach meinem Dafürhalten über das Maß hinaus. Wahr ist es, daß wir bis nun keine vollständige Geschichte besitzen, die im soziologischen Geiste auf Grund des Entwicklungsgedankens ge- *) Zitat aus „Aboth"; dort heißt es: „Sage nicht, wenn ich Muße haben werde, werde ich lernen, denn vielleicht hast Du keine Muße."