Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 271 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE MUTTER 271 12. Kapitel MUTTERS RECHTE HAND Ich habe gesagt, daß Mutter alle Kinder gleich liebte, keines vorzog; das Verhältnis zu Moritz war aber doch das innigste. Er war nämlich — obwohl er nicht der Älteste war — ihr Berater in allen jenen Dingen, für die Valer erst gewonnen werden mußte. Bei der Verheiratung der Töchter, bei der Berufswahl der Knaben spielte Moritz eine wichtige Rolle, und es ist wohl an der Zeit, mehr über ihn zu sagen. Als Mutter endlich darauf bestand, daß die beiden Buben in eine ordentliche Schule kommen müßten, trat Moritz schlechtvorbereitet in die Realschule ein; im ersten Jahr war er ein mittelmäßiger, im zweiten ein guter, im dritten der beste oder zweitbeste Schüler. Matura und sämtliche Prüfungen bestand er mit Auszeichnung; als er um eine Stelle für Mathematik und Physik einreichte, erfuhr er, daß er gegen fünfzig Mitbewerber habe, alle älter und schon infolgedessen würdiger als er. Ein Weilchen sah er noch zu, dann entschloß er sich kurz: er machte auch das Doktorat und trat ins Geschäftsleben ein. Er litt ungeheuer unter diesem Entschlüsse, aber er sagte sich, daß er als Zweitältester unter zwölf Geschwistern so rasch als möglich zu Brot kommen müsse und nahm eine Stelle als Saidakontist an; er ist noch heute als Generalsekretär in diesem großen Unternehmen tätig. Dieser Sohn war schon zu Lebzeiten Vaters, mehr aber noch nach seinem Tode — Mutter überlebte Vater um elf Jahre — ihr treuester Berater in allen wichtigen Angelegenheiten. Wie Rosa immer bereit war, am Krankenbett zu erscheinen, so auch er, wenn es galt, einem Bruder, einem Schwager beizustehen. Die Familie war eine tüchtige, aufstrebende, bedurfte aber natürlich det Hilfe. Und Moritz war immer bereit. Zahllos sind die Dienste, die er allen geleistet und beispiellos die Opfer, die er gebracht hat. Die jüngere Schwester Henriette hatte Dr. S. W. geheiratet, einen hochbegabten Mann, dessen Gedichte, von der Witwe nach seinem Tode herausgegeben, viel Anerkennung gefunden haben. Nach zweijähriger Ehe erkrankte der noch nicht 36 jährige Mann, der seit seinem neunten Jahre keinen Tag krank gewesen war, an einer schweren Influenza, in deren Gefolge eine Lungenkrankheit eintrat; der fiel er nach dreijährigem Siechtum zum Opfer. Als die Schwester auf den Rat der Ärzte mit dem Kranken südwärts zog, da war es Moritz, der für ihn sorgte, unermüdlich, wie eine Mutter für ihr Kind. Ich sage absichtlich wie eine Mutter, denn er, der ganz Energie war, nichts Weibisches an sich hatte, sann unaufhörlich darüber nach, wie er der Schwester und ihrem kranken Gatten die schwierige Lage erleichtern konnte. W'ie es sonst nur eine zartfühlende Frau vermag. Die nicht bedeutende Mitgift meiner Schwester war bald aufgezehrt in den teuern Kurorten, da hielt Bruder Moritz her. Er beschränkte seine persönlichen Ausgaben, die immer lächerlich bescheiden waren, auf das allernotwendigste, er besuchte nie mehr das Kaffeehaus, und als ich, die ihm die Wäsche in Ordnung hielt — früher hatte er ganz bei mir gewohnt — ihm einmal sagte, er müsse ein Dutzend neuer Socken haben, da fragte er mich, ob ich nicht doch noch die alten stopfen konnte, er müsse jeden Heller sparen. Ich war damals zu Tränen gerührt, aber wir sind alle miteinander nicht demonstrativ, und so schluckte und schluckte ich, bis ich meine Fassung wiedergewann. Wie oft rannte er in der wenigen freien Zeit, die im übrigblieb, aus einem Delikatessengeschäft ins andere, um für den kranken Schwager Kaviar oder Heidelbeerwein oder sonst einen Leckerbissen aufzutreiben. Einmal strahlte er vor Freude, als es ihm gelungen war, die Hälfte von einer Büchse Kaviar zu ergattern, die für die Königin von Hannover bestimmt gewesen war; so eindringlich suchte er dem Verkäufer zu beweisen, daß die Königin von Hannover sicher nichts entbehren würde, auch wenn sie nur die halbe Büchse Kaviar bekäme, während sein schwerkranker Schwager darauf angewiesen sei. Um diese Zeit war die Professor Gärtnersche Fettmilch en vogue, man ließ den Kranken davon versuchen, und sie mundete ihm vortrefflich, denn sie trank sich sehr leicht und verursachte keinerlei Beschwerden. Und er sollte massenhaft Milch trinken. Da richtete mein Bruder die tägliche Versendung der Milch nach Maderno am Gardasee ein. Sie kam so rasch hin, als der Eilzug sie befördern