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Menorah · 1927-04-01 · Heft 4 (April 1927) · p. 270

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 4 (April 1927)
Article
Unsere Mutter
Date
1927-04-01
Page
270 (sequence 1)
Language
German
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Unsere Mutter Von A. K. (17. Fortsetzung.) Liebe Mama! Und justament wercT ich alles erzählen, obwohl sie mich gebeten hat, es nicht zu tun, und obwohl sie mir ein Pferdchen versprochen hat, wenn ich reinen Mund halte — Du, lieber Papa, wirst mir ein schöneres kaufen, eines, das fressen kann und einen wirklichen Schweif und eine wirkliche Mähne hat, nicht wahr? Also seit drei Tagen gibt sie mir einen dicken Papp zu essen. Mein Glaube an die Menschheit ist verlorengegangen, seitdem sich auch Julie dem Komplott angeschlossen hat. Diese hielt den Teller, die Müller riß mir den Mund auf, die Tante stopfte mich. Am ersten Tag sträubte ich mich mit Händen und Füßen, am zweiten nahm ich mir vor, der rohen Übermacht zu weichen und die Waffen zu strecken, am dritten machle ich schon wie ein Spatz mein Schnaberl von selber auf, und es schmeckte mir nicht einmal schlecht — aber das darfst Du ihr beileibe nicht verraten. So, und nun kommt das andere. Also denkt Euch, sie war von Mittwoch bis Donnerstag in Bielitz! Im stillen wünschte ich mir, es möchte in der Nacht ein Brand ausbrechen, aber die dümmste Bäuerin hat die dicksten Kartoffeln: es passierte mir nichts. Zum Schluß zog sie mir das weiße Kleid mit Rosa an, das Du nicht magst, liebe Mama, und ich wollte es mir natürlich nicht anziehen lassen. Aber die rohe Gewalt siegte. Dann fuhr sie mit mir zu einer Frau Adele, die ein Mäderl in meinem Alter hat. Dort fingen sie an, mich zu berufen. Eine Dame sagte: „Was er für schöne schwarze Augen hat!** Das glaub* ich, ihr Bub hat nämlich Knopflöcheraugen. Ein Mäderl rief aus: ,,Wie groß er ist!'* Ja freilich, sie reicht mir nur bis zur Brust, auf die sich Papa so viel einbildet. Die Hausfrau sagte: ,,Was er für festes Fleisch hat!*4 Ich aber hörte mir den Blödsinn nicht mehr an, sondern sah von meinem Platz aus — wir waren auf der Veranda — wie schön das Wasser in ihrem Springbrunnen plätscherte, und der Wasserstand kam mir sehr gering vor und da . . . Es war ein unliebsames Intermezzo, aber ich bin ein Naturmensch, mich genierte das nicht besonders. Dann fingen sie an, die Kinder aufzuziehen, und sie mußten alle Kunststücke machen. Trotz der wütenden Blicke, die Tante mir zuwarf, daß ich mich nicht produzieren wollte, verhielt ich mich passiv. Man hieß das Mäderl sogar ,,ein Schnaberl" machen. Wie sie das Gesicht verzog — na, die heirate ich nicht, das weiß ich! Ich zähle die Stunden, bis ihr wiederkommt. Ich werde Euch schon alles erzählen, was ich mich nicht zu schreiben getraue. Auch der lieben Großmama. Sogar bei der macht ihre böse Zunge nicht halt. Wißt Ihr, was sie gesagt hat? ,,Schöner Besuch, für ein paar Stunden zu kommen!" Und dann hörte ich noch so etwas, das klang wie „Stiefmutter*\ Noch 75 Stunden! Viele Küsse von Eurem treuen Sohn Willi. Im Sommer 1 908 weilte Rosa einige Zeit bei den jüngeren Schwestern in Veldes und schrieb ihnen: Wien, 14. VIII. 1908. Meine lieben Veldeser! Besten Dank für den angenehmen Aufenthalt, den Ihr mir bereitet habt. Ihr werdet zunächst wissen wollen, wie es der teuern Mutter und Jenny geht. Die Kur scheint doch recht anstrengend gewesen zu sein, die teure Mutter ist sehr schwach und braucht erst jetzt eine Erholung. Vielleicht läßt sie sich dazu bewegen, zur Nachkur zu Euch zu fahren. Ich hoffe, daß meine Beredsamkeit, die bisher immer nur bei der Aufnahme von Ammen und Köchinnen für Euch eine demosthenische wurde, auch in diesem doch so viel wichtigeren Falle nicht versagen wird. — Jenny sieht vorzüglich aus. Sie hat soeben eine etwas umständliche Toilette gemacht: von innen, von außen, von oben, von unten, von vorn und rückwärts — man könnte fast alle Vorwörter anwenden. Nochmals besten Dank für alles. Das Zyklamenbukett war so wunderschön, daß mich alle für eine Herzogin gehalten hätten, wäre ich erster Klasse gefahren. Herzlichst eure treue Rosa.

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