Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Die Weisheit des Rabbiners
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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234 MENORAH friedlichen Gartens die Wohlgerüche des Jasmins und der Orangen bäume trugen, dies alles unter der makellosen Heiterkeit des Himmels, auf dem winzige weiße Wölkchen aus Weihrauch aufgestiegen zu sein schienen, war da zur Freude Allahs. Und doch war diese Soldatenabteilung aufgebrochen, um die kleinen Nachbargäßchen zu zemieren, in denen die Nomaden Hühner, Wachteln, Feigen und Datteln verkauften, befürchtete man doch, daß zur Stunde des Marktes eine Auseinandersetzung zwischen den beiden feindlichen Familien das fürchterlichste Blutbad entfesseln könnte. Und Lakdar dachte nach. Über die Stadt schweifend, trafen seine Augen, ohne es zu wollen, eine Terrasse der Mellah-Vorstadt, wo er Tag für Tag einen Mann lesen und grübeln sah. Das war der Rabbi David ben Mosche, der den Ruf ungeheurer Weisheit und Gelehrsamkeit hatte, auch unter denen, die ihn einen Unwissenden nannten, weil er die Macht Allahs nicht anerkannte. Und Lakdar dachte nach. Niemals kam aus der Mellah zu den Behörden der Stadt ein Streit, und wäre es um das Geringste gewesen, denn der Rabbi wußte dort Frieden und Eintracht zu erhalten. Lakdar dachte nach und seine erste Regung war, David durch einen Läufer zu sich rufen zu lassen. Aber er verwarf die Absicht, zog seinen Burnus an und ging langsam in die Mellah, denn David war ein WTeiser und Lakdar glaubte, ihn so wenig als möglich stören zu dürfen. Der Rabbi empfing Lakdar, ließ Palmwein und Früchte auftragen, um seinen Gast zu bewirten, und wartete darauf, daß Lakdar ihm seine Sorgen, seinen Kummer und seine Ängste vortrage. „Ich komme", schloß Lakdar, „spät genug zu deiner Weisheit. Wirst du mir doch noch einen Rat geben können?" „Ja", sagte David, „statt die Wurzeln zu heilen, reißest du die Blätter vom Stamme. Aber sage mir, wenn ich dir das Heilmittel bringe, wrenn du durch mich Ali el Faris Mörder kennen lernst, wirst du ihm auch Gnade geben?" „Du hast also einen von den Deinen im Verdacht?" „Nein, gewriß nicht. Ich kann dir sogar versichern, daß es bestimmt keiner von meiner Gemeinde ist, den ich zu finden denke." „Warum dann Gnade?" „Glaubst du, daß die Bestrafung eines Muselmanns, auch wenn er schuldig ist, der nach meinen Angaben verurteilt wurde, nicht uns als Verbrechen angerechnet wird, uns alten aus der Mellah! Deine Sorgen würden dadurch nur eine andere Richtung bekommen." Lakdar verneigte sich. „Ich verspreche Gnade."