Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Die Weisheit des Rabbiners
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 233 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE WEISHEIT DES RABBINERS Voll GllStaVe Kahn (Nachdruck verboten) Weil Ali el Paris Körper entseelt, mit einem Messer in der Kehle, in einem Hohlweg gefunden wurde, ward auch Mohammed ben Milud bei Anbruch der Nacht in einer Gasse Kairuans angegriffen und am nächsten Morgen mit einem Messer derselben Art in der Kehle aufgefunden. Die Mitglieder der beiden Familien, die einander aus Gründen, die die Zeit in ihr Dunkel gehüllt hatte, haßten, bekämpften sich von diesem Zeitpunkt an auf den Straßen, raubten einander die Gärten aus, zündeten die Scheunen des Gegners an. Die Stadt Soussa erstarrte vor Schreck, als man eines Tages im ersten Frühlicht den zerstückelten Körper Abd el Miluds fand, eines hübschen Jünglings, der allgemein wohlgelitten war, ausgenommen bei den el Fari, unter denen sich sicherlich der oder die Schuldigen finden mußten. Die Stadtältesten konnten nicht eingreifen, weil diese beiden Familien zahlreich waren und viele Sklaven hatten. Beide zu verbannen, das hätte am Tage ihres Aufbruches vor den Stadtmauern eine wilde Schlacht entfesseln geheißen. Jede strenge Entscheidung hätte ein Blutbad nach sich gezogen, und es war ein vor Allah und dem Bei wohlgefälliges Werk, mit dem Blute der Gläubigen zu sparen. Dennoch mußte gehandelt werden, hörten doch die Männer der beiden Familien, standen sie sich, wie es das Alltagsleben schon mit sich brachte, plötzlich gegenüber, nicht auf, einander zu beschimpfen und zu bedrohen. Achmed Lakdar, der Wali von Soussa, dachte darüber auf der hohen Terrasse der Kasbah nach. Er sah gelangweilt eine größere Abteilung Soldaten aus der Zitadelle ausrücken. Und doch gab es keinen Krieg. Keine feindliche Flotte bedrohte den Frieden der weißen Stadt, die sich am Ufer der halbkreisförmigen Bucht unter strahlender Sonne ausbreitete. Früher einmal hatten sich die frommen Gläubigen stundenlang in Meditationen ergehen können, jetzt schreckte der geringste Lärm, der ferne Galopp eines Pferdes, das Gebrüll eines Stieres die Einwohner, daß sie erbebten und die Hand zum Messer führten. Irgend einer von den Männern der beiden rivalisierenden Familien konnte daherkommen und, von seiner Vernunft verlassen, in ihnen die Freunde seiner Feinde bekämpfen wollen. Und doch war die Stunde sehr schön. Das Schwatzen der Frauen, das Plaudern der Kinder, mit dem sich das Zwitschern der Vögel verband, dies alles inmitten der Blüten, die zu Lakdar wie den Duft eines