Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-04-01 · Heft 4 (April 1927) · p. Seite 221

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 4 (April 1927)
Article
Edmond Fleg
Date
1927-04-01
Page
Seite 221 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912871-2919435--04645-2919544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

L'ENFANT-PROPHETE 221 Er lächelt nicht mehr, der Rabbiner. Er hat eine Träne, ja, eine Träne, die im Augenwinkel schimmert. Und zitternd wischt er sie mit dem kleinen Finger weg .. . # Ich wollte in die große Kirche zurückkehren. Noch immer sind die Schatten mild, und segnend tönen die Orgeln. Aber jetzt weiß ich, wer mich am Beten hinderte... Der Beichtstuhl hat all seine Anziehungskraft verloren. Warum? Und dort, Jesus ist es. HäU' ich ihn vergessen? Ich bleibe vor ihm aufrecht. Meine Knie denken nicht mehr dran, sich zu beugen. Dein Blut sollte über uns kommen, Jesu? In alle Ewigkeit, über uns und unsere Kinder? ... Die Deinigen haben Johanna verbrannt, das gute Mädchen aus Lothringen .. . Kommt ihre Asche über sie? Sie haben sie verbrannt: dann machten sie sie zu einer ihrer Heiligen. Warum sollten die Juden, die dich kreuzigten, dich nicht zu einem ihrer Propheten machen? ... Ach, dein Kreuz, Jesus!.. . Ja, es ist grausam. Aber wie viele Stunden hast du gelitten? Und Israel, wie viele Jahrhunderte? Ich kenne sie jetzt, die Leiden Israels. Und du, Jesu, kennst du sie? Auf dem Wege nach Golgatha trügest du dein Kreuz. Und eine ganze Stadt lachte, pfiff und spie hinter dir. Aber sie, auf allen Wegen der Welt, wie viele Kreuze trugen sie! ... ... Siehst du sie, Jesu, auf den Wegen, diese Scharen, vom Hunger verzerrt, in Lumpen gehüllt. Ganze Völker heulen hinter ihnen: Zauberer! Aussätzige! Böse Blicke haben sie! Nieder mit den Hebräern! Sie verehren einen Eselskopf! Sie vergiften die Brunnen! Sie durchlöchern die Hostien! Sie nehmen Kindern das Blut ab! Verräter! Wucherer! Kommunisten! Tötet sie! Sie wollten den Krieg! Sie wollten den Frieden! Sie wollen das Ende der Welt! ,. . Man ohrfeigte deinen Sohn, heiligste Maria. Man setzte ihm die Dornenkrone auf, nagelte ihn ans Kreuz. Und du, du weinst am Fuße des Kreuzes. Du weinst, Maria, und mit dir weine ich. Aber hörst du nicht in den Tönen der Orgel eine andere Mutter jammern? Siehst du sie nicht, jene Mutter, noch schmerzensreicher als du selbst; siehst du in deinem Schmerze nicht Rachel, unsere Mutter, die um ihre Kinder weint? Ihre Erstgeborenen. Ihre ganze Kleinen. Eng an die Brust drückt sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.