Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Einleitung zu dem Buche "Israel"
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 212 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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212 MENORAH dunkeln, oft aus den edelsten Anlagen der menschlichen Natur zu entspringen scheinen und mit Bereichen der Seele verknüpft sind, die seit altersher dem menschlichen Herzen heilig und ehrwürdig waren. Wer wollte nicht den Boden seines Vaterlandes vom fremden Unterdrücker befreien? Wer wollte nicht Sprache und Sitten seiner Ahnen von Einwirkungen freihalten, die fremd sind und daher unheilvoll scheinen? Und wer wollte sich Skrupel über geringfügige Verstöße gegen die Moral machen, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Welches lang unterdrückte und schließlich befreite Volk wird nicht seine politische und kulturelle Oberhoheit gegenüber jenen Minoritäten behaupten, die durch den Zufall menschlicher Ansiedlung und die Notwendigkeit gesicherter Grenzen in sein Gebiet gezwungen worden sind? Die rachebrütenden deutschen Reaktionäre können sich ebenso wie die blutdürstigen polnischen Tyrannen auf berühmte Vorbilder, auf Heldennamen und auf alte, klangvolle Lieder berufen; sie stützen sich auf eine Überlieferung, die in Schulen gelehrt, durch Denkmäler verherrlicht wird, auf Gefühle, die sie bei jeder großen Seele voraussetzen. Nur der Denker erkennt mit trauriger Klarheit die grobe und gewalttätige Unmoral des Satzes: „There's not to reason why, there's but to do and die!" („Hier gilt kein »warum4, kein ,weil\ geh und stirb, da ist dein Teil!") Der Schuljunge, der den Vers lernt, merkt nicht, daß diese geistige Richtung den Menschen zum Tier erniedrigt, ebensowenig wie er beim Rezitieren des Vergilschen Verses: „Tu regere imperio populos, Romane, memento", an die hingeschlachteten Völker, die vernichteten Städte und die zerstörten Tempel denkt, die für den „Frieden" Roms notwendig waren. Fast unausrottbar wurzelt seit jeher im Menschen die Tradition der Gewalt und des blinden Gehorsams gegenüber ihren Trägern. Im Innersten jedes jungen Menschenherzens glimmt eine Spur von Urweltsfurcht. Und häufig vertiefen seelische Erschütterungen diese Furcht zum Minderwertigkeitsgefühl. Daraus erklärt sich das Streben des heranwachsenden Menschen, seinen Gefährten gleichzukommen, sie womöglich zu übertreffen. In seiner Phantasie identifiziert er sich unvermeidlich mit dem Starken, dem Herrschenden, der seinen Willen den andern aufzwingt. Das jüdisch-christliche Ethos berührt seine Seele kaum. Seine menschliche Schwäche richtet sich auf, indem er sich innerlich als Held des Schwertes oder des Maschinengewehres sieht oder sich als Ritter auf reichgeschmücktem Roß, als Bannerträger eines Heeres träumt. Aus dieser Phantasie schöpft er ein Gefühl der Macht und Sicherheit. Er ist nicht mehr allein und fürchtet sich nicht länger: er ist ein Teil einer unbezwinglichen Menge von seinesgleichen und