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Menorah · 1927-03-01 · Heft 3 (März 1927) · p. Seite 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 3 (März 1927)
Article
Ein Buch unserer Zeit: Heinrich Berl [Rezension]
Date
1927-03-01
Page
Seite 200 (sequence 3)
Language
German
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200 MENORAH wird, während in Wahrheit — ein noch kaum gewürdigtes Phänomen —- deren Diskrepanz mit vergrößertem Zeitabstand immer entscheidender sichtbar wird, Wagner also wird nur in seiner Auflösung italienischen Aricngesanges, somil, wie Herl, er vor allen, .gerechterweise einsehen müßte, in der Auflösung einer toten Form begriffen, während von der urgesanglichen Natur vieler hundert seiner Musikäußerungen überhaupt keine Notiz genommen wird. Solchen Schemalisierungen begegnen wir auf Schritt und Tritt. Aber es ist nicht nur Bekennerpflicht, wenn auf sie hier so nachdrücklich verwiesen wurde, es hat noch einen zweiten Grund. So anfechtbar und kraß nämlich derartige Äußerungen, namentlich außer Zusammenhang vorgetragen, wirken mögen, so nebensächlich sind sie dennoch letzten Endes in bezug auf Sinn und Wert des Ganzen. Eines aber sind sie: günstigste, geradezu unbezahlbar prächtige Angriffspunkte. Auf sie kann und wird Mittelmäßigkeit und kleine Gesinnung sich unentwegt stürzen und sich so der eigentlichen Stellungnahme entheben. Jene von vornherein zu entlarven, war ein Ziel, demzuliebe es schon riskiert werden mußte, daß sich manche Spitze gegen das Werk, das verkündet werden sollte, selbst kehre.*) Der Kernvorgang, dessen Erweis, wie es scheint, das Bcrlsche Buch dienen will, ist in knappen Worten folgender. Unsere große klassisch-romantische Musikperiode, die Zeit Mozarts, Beethovens, Schuberts, Schumanns, Wagners, Strauß', diese heute noch als unanzweifelbare Hochblüte der Weltmusikentwicklung angesehene Zeitspanne, enthält, dies darf nicht vergessen werden, auch gleichzeitig eine ganze Reihe mechanisierender, in ge- *) Nachträgliche Anmerkung. Biese Voraussage ist in mehreren nach der Drucklegung obiger Zeiten uns bekannt geAvordenen Fällen denn auch promptes! eingetroffen Den Vogel schießt hiebei eine Besprechung ab, die dem Buche geradezu völkische Tedenzen vorwirft. Da die Haupttendenz der Berlschen Schrift, in der Forderung einer Synthese ,j ü dischen und abend ländischen, vor Allem somit deutschen Kunstempfindens mündet, müßte uns jener Kritiker allerdings erst eine völkische Kundgebung zeigen, die ähnliches anregt. wissem Sinne also eigentlich antimusikalischer Elemente. Sie aufzuzeigen, wurde jene große, bereits angedeutete Antithese entwickelt: rhythmisch-melodische, das heißt zeitliche, erfühlte Musik auf der einen, harmonische, das heißt räumliche, geformte, gekonnte auf der anderen Seite. Stimme, Körper, Tanz hier, Instrument, Orchester, Organisation dort. Schließlich — nach einer langen Reihe — Abendland auf der einen, Morgenland auf der anderen Seite. Im Judentum, im j ü d i s c h e n M u siker e r k e n n t nu n B e r 1 die Kraf t, w e 1 c h e d i c, fast b e r e i t s der har m o n i s c h e n V e rsteinern n g verfalle n e, abend- 1 ä n d i s c h e M u s i k, j a, im weitere n Sinne K ullu r ent \vi ekln n g, z u m R h y t h m u s und zur Melodie, de n Urzellen des musikalischen u n d vielleicht alles Lebens, zurückbefreit. Es würde zu weit führen, wäre auch fast unerlaubt, hier, gerade weil wir am Kern sind, ausführlich zu werden. Diese Zeilen sollen beileibe kein Ersatz für, sondern eine Anregung zur Lektüre des Buches sein. Nur noch einige Worte über die in diesem Rahmen mehr als sonst interessierenden Fragen des Jüdischen. Von Gegenwartserscheinungen sind es vornehmlich drei Gestalten, mit denen, als Hauptrepräsentanten und Symbolen jüdischen Musikausdruckes, sich das Buch „in immer erneuten Anläufen auseinanderzusetzen" versucht: Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Adolf Schreiber. Die ersten zwei sind einer speziellen Vorstellung nicht bedürftig, während Schreibers Name, einer nach tragischem Leben auf tragische Art früh dahingegangenen Künstlererscheinung, trotz mancher von Max Brod ausgegangener intensiver Hinweise einer weiteren Öffentlichkeit noch kaum geläufig sein dürfte. Es soll und wird sich wohl noch Gelegenheit ergeben, in der „Menorah" misführlicher auf ihn zurückzukommen. Von der Gegenwart nur scheinbar zurückschreitend, glauben wir die nicht allzu breit gehaltenen, aber intensiven Untersuchungen Berts über jüdische Volks- und

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