Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Ein Buch unserer Zeit: Heinrich Berl [Rezension]
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 201 (sequence 4)
- Language
- German
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EIN BUCH UNSERER ZEIT 201 Synagogalmusik, seine Bemerkungen über den Nussach und die N'ginoth aus leicht nachweislichen Gründen zu dem wertvollsten bisher darüber Gebotenen zählen zu dürfen. Mit dieser Materie pflegten sich nämlich bisher entweder — dies aber seltener — Nur- Musikcr zu befassen, deren wissenschaftliche Kenntnis der sprachlichen, historischen, liturgischen und traditionellen Belange aber mangelhaft war. Oder zwar im Jüdischen wohlbewanderte Persönlichkeiten, deren, wenn schon nicht musikalische Bildung, so doch Einstellung als anzweifelbar gellen könnte. Die klassische Musikpcriodc hat es nämlich mit ihrer bis dahin nicht erlebten künstlerischen Breitenwirkung zuwege gebracht, daß ihr tonlich-harmonisches, zum Teil auch formales System allen hörenden Menschen ihrer Zeit — Nicht-Musikern gefühlsmäßig genau so stark, wie Musikern fachlich bewußt —• so sehr in Fleisch und Blut überging und gleichsam zur zweiten Natur wurde, daß es allgemein nicht nur als eines der vielen möglichen, sondern bedenkenlos als d a s System, das alleinige, nach dem überhaupt ein künstlerisches Musizieren möglich sei, angenommen wurde. Wie unabsehbar die Auswirkungen dieses sonderbar einseifigen Zustancles waren und noch sind, kann der Laie sich kaum vorstellen. Doch kann man ruhig sagen, daß gut neun Zehnlei all dessen, was in den letzten Jahrhunderlen über Musik gesagt und geschrieben wurde, milde ausgedrückt: heule nur sehr bedingte Gellung beanspruchen kann, um nicht schroff zu sagen: völlig wertlos geworden ist. Besonders die Art, wie man in theoretischen Untersuchungen und auch praktisch in musikalischen Bearbeitungen von Volksgcsängen usw. an die, irgend einem andern Kullurkreis entstammende, also auch jüdische Musik herangetreten ist, war durch jene gekennzeichnete Einstellung von vornherein zum Mißlingen verurteilt, da man all diese Musik nie aus sich selbst heraus, sondern im Grunde mehr oder minder immer aus der klassisch-abendländischen Musikanschauung heraus begreifen wollle. Erst die neue, die „moderne" Musik hat, indem sie, bezeichnenderweise unter, noch gar nicht zum Abschluß gekommenen, heiligsten Kämpfen, den Kähmen jenes starren Systems durchbrach, in uns Abendländern den Sinn für die autonome Natur jener fremden, somit auch unserer eigenen, der jüdischen Musik gewerkt. Das ist im Falle Berl entscheidend geworden. Denn hier ist es das erstemal, daß ein an den technischen und künstlerischen Problemen der neuesten Musik geschultes, das heißt nicht mehr in der klassisch-abendländischen Tonemphndung einseitig verankertes Ohr sich der jüdischen Musik zugewendet hat. Weshalb es gar nicht verwunderlich ist. daß ein Nichtjude in diesem zwar in sachlicher Klarheit, aber aus innerster hymnischer Gesinnung geschriebenen Buche ihrem wahren Pulsschlag näher gekommen ist. als irgendeiner. Arthur Schnitz?er Der Geist im Wort und der Geist in der I at*) Schnilzlers Werk wird erst voll versländlich, wenn man von seiner Zugehörigkeit zu Wien weiß, in dessen Kulturboden er bis zum Unbewußten lief verwurzelt ist. Als Dramatiker viel gespielt und iu vieler Herren Ländern aufgeführt, sind es doch die Novellen, die seinen Namen zuerst in die weile Welt trugen, wo sie von vielen Nationen, so auch von den Japanern, in der eigenen Sprache gelesen werden. Die Novelle gibt nur einen Ausschnitt aus dem Leben, durch ein Ereignis besonderer Art gekennzeichnet. Schnitzler ist ein Meisler dieser Form; jede seiner novellistischen Darstellungen reicht in Sprache und Vortrag an das Vollkommenste dieser Gailling. Die beherrscht leidenschaftslose Sprache, irgendwie an die Prosa Goethes gemahnend, gestaltet tiefes Eindringen in das künstlerische Wollen, wie ungetrübtes- Qucllwasser den Blick bis zum Grundgeslein freigibt.. Wer im Band ,,Masken und Wunder" *) S. Fischer-Verlag, Berlin.