Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Meyer
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 MENORAH Zündung fort und dann auch nur auf Liliputentfernungen. Aber da er gewissenhaft war und bescheiden, nicht maulte und alles tat, was er geheißen wurde, so war er doch wohl gelitten. Eines Tages schlug auch seine Stunde. Bei goldenem Sonnenschein zog er mit vierhundert Anderen zum Bahnhof. Wohl dachte er mit Wehmut an die schönen Butterbrote, an Schnauz, an Mutter und Schwestern und an die gute Familie Neumann, aber tapfer schluckte er die Tränen hinunter und stampfte in dem kräftigsten Exerziertritt, den seine schwachen Füße zuließen, die Erregung in den Boden. Dann kam die lange, lange Eisenbahnfahrt: den Rhein entlang, durch Belgien und Nordfrankreich. Und während dieser langen, langen Stunden gingen ihm die Augen auf. So groß, so schön hatte er sich die Welt doch nicht vorgestellt. Wie herrlich war das Silberband des Rheins, wie anmutig das Rheintal und erst die großen Städte und die vielen, vielen Menschen. Zum erstenmal fühlte Meyer, daß es im Leben auch noch etwas Schöneres gebe als das Magazin des Herrn Neumann und Schnauz, den Hund, und die gerollten und bezettelten Tuchballen. In seine Seelenruhe schlich sich ein böser Störenfried: der Zweifel an seinem bisherigen Leben und die Sehnsucht nach einem anderen. Und diese Lebenssehnsucht kam dem armen Meyer just auf seiner Fahrt zum Tode. Meyer wurde skeptisch. Einmal aufgerüttelt, verfiel sein Geist ins Spintisieren. Beim Anblick von Gräbern und zerschossenen Dörfern, bei der Begegnung mit Verwundeten und Gefangenen kamen ihm ganz sonderbare, sich widersprechende Gedanken: daß die Menschen doch auf der Welt Platz genug hätten und sich vertragen sollten, dann wieder, daß die Großen der Erde auch ihre Gründe haben müßten, wenn sie sich gegenseitig bekriegten, dann, daß ihn die ganze Sache eigentlich gar nichts anginge, und dann wieder, daß er, nachdem er nun doch einmal dabei sei, mitmachen müsse, so gut er könne. So kam er in den Graben. Gleich in die blutigste Zeit bei Loos. Kein Tag, an dem nicht im Eisenhagel der Granaten ein Dutzend seiner Kameraden zerrissen wurde oder todbringendes Erdreich sie verschlang, an dem nicht ein Schauer von Handgranaten sich in den Graben ergoß. Meyer dachte bald nichts mehr. Er fühlte auch nichts mehr. Er war nur noch Maschine. Tat, was er geheißen wurde, alles, was er geheißen wurde, genau wie bei Herrn Salomon Neumann. Er schoß und grub, schleppte Balken und Munition, hungerte und fror und hielt aus im Giftgas und Granathagel, wie er geheißen wurde. Es war wie bei Herrn Salomon Neumann: andere dachten für ihn. ,,Sehr