Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Meyer
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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M E Y E R 197 geehrter Herr Neumann," so schrieb er stets mit seinen viel zu großen, schiefliegenden Buchstaben, „ich danke Ihnen für das Paket und es geht mir noch gut, was ich auch von Ihnen hoffe, sehr geehrter Herr Neumann und von Ihrer Frau, sehr geehrter Herr Neumann, und von Fräulein Liesel und von Ihrem Herrn Sohn, Herrn Doktor, sehr geehrter Herr Neumann, und vom Schnauz, sehr geehrter Herr Neumann. Das Militär ist kein Geschäft für mich, sehr geehrter Herr Neumann, und wäre ich nur wieder bei Ihnen, sehr geehrter Herr Neumann. Gruß an Sie, sehr geehrter Herr Neumann, an Frau Neumann, Schnauz, Fräulein Liesel und Ihren Herrn Sohn, Herrn Doktor, von Bernhard Meyer. Wie geht das Geschäft, sehr geehrter Herr Neumann?44 Von Not und Kampf, von Granathagel und Giftgas, von Tod und Sieg stand in diesem Schreiben kein Wort. Von da an die Sommc. Was wußte Meyer von dem furchtbaren Stück Weltgeschichte, an dem er da teilnahm, an dem er da mitformte'? Andere dachten für ihn. Ringsum barsten Tausende und aber Tausende von Granaten, zerstiebten Gräben und Unterstand, zerfleischten Men schenleiber und wühlten die Zuckenden tief in die Erde ein, grünlicher Gifthauch fraß sich vom Engländer am Boden her, aus den Wolken fiel Bombe auf Bombe1 und ratterten die Maschinengewehre neuen Tod. Meyer lag im Granatloch und schoß und grub, hungerte und fror und dürstete, wie er geheißen wurde. Lange, lange Tage und noch längere Nächte. Und in einer Nacht, als die Sterne so hell und feurig strahlten, als wollten sie den armen Menschlein dort unten Mut zusprechen, und der Mond so sanft und wehmütig lächelte, als ob er den irrenden Menschlein da unten sein großes Mitleid zeigen wollte, da nahm Meyer, wie ihm befohlen war, die vier Feldkessel und kroch zurück, langsam von Granatloch zu Granatloch, von Graben zu Graben, wie er geheißen war. Ringsum schlugen die Granaten ein. Was Meyer in dieser Nacht versuchte, war eine Heldentat, aber er wußte es nicht. Noch war es weit zur Feldküche. Er wollte einen Augenblick verschnaufen. . . Wie sonderbar, daß er heute nacht immer den Herrn Salomon Neumann mit seinem Käppchen und mit dem Zwicker in der linken Hand sah, daß Schnauz-------- Oh der Kanonier an dem Marinegeschütz da drüben bei den Engländern die Zündschnur auch gezogen hätte, wenn er gewußt hätte, daß die kostbare Ladung nur Meyer, den Schlemihl Meyer, zermalmen würde? Ich möchte es bezweifeln. Oder vielleicht doch, wenn er geahnt hätte, daß Meyer, der Schlemihl Meyer, ein Held war, weil er alles tat, bei Herrn Salomon Neumann und auch im Granathagel, was er geheißen wurde.