Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Meyer
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M E Y E R 195 die leiden, nicht zum mindesten aber mit sieh selber, da er solch böse Zeit erleben müsse. Die Hauptsache blieb: er war daheim und konnte die Mutter und die ledigen Schwestern ernähren. Bis eines schönen Tages ein roter Zettel kam, auf dem kurz und bündig zu lesen war, daß der Ersatzreservist Bernhard Meyer sich am soundsovielten, pünktlich morgens um 7 Uhr, im Hofe des Bezirkskommandos zu stellen habe. Das Schicksal pochte an Meyers Türe. Zuerst konnte Meyer diesen Eingriff in seine persönliche Freiheit gar nicht fassen und blickte verständnislos den roten Zettel an. Als er dann nach langwierigem Nachdenken zur begründeten Überzeugung gekommen war, daß da nichts zu machen sei, wurde er gelassen und sogar neugierig auf das, wras kommen sollte. Öfters überkam ihn jedoch die Rührung und manche Träne floß auf die Butterbrote, auf Schnauz, die Tuchballen und die Hühnchen. Auch ein bißchen Angst hatte er vor der Zukunft. Noch mehr aber heimliche Schadenfreude über die Großen dieser Erde, die ihre Händel nicht selbst ausmachen konnten, sondern ihn, den Meyer, den Schlemihl Meyer, dazu aufbieten müßten. Meyer kam sich wichtig vor. Übergehen wir die Zeit, in welcher ein langbeiniger aggressiver Unteroffizier Meyer in die Geheimnisse des Kriegerhandwerkes einführen sollte. Es ging nicht und konnte nicht gehen, es war der Kampf zweier Weltanschauungen. Meyer wurde tatsächlich wichtig für seinen Unteroffizier, seinen Feldwebel, seinen Hauptmann. Er trug alles mit der Geduld eines Hiob. Nur in seinen Briefen rebellierte er: ,,Sehr geehrter Herr Neumann!", so schrieb er auf schlechtem Papier mit seinen viel zu großen, schiefliegenden Buchstaben, „es geht mir noch gut, was ich auch von Ihnen hoffe, sehr geehrter Herr Neumann, und von Ihrer Frau, sehr geehrter Herr Neumann, und von Fräulein Liesel und Ihrem Herrn Sohn, Herrn Doktor, sehr geehrter Herr Neumann, und vom Schnauz, sehr geehrter Herr Neumann. Das Militär ist kein Geschäft für mich, sehr geehrter Herr Neumann, und wräre ich nur wieder bei Ihnen, sehr geehrter Herr Neumann. Gruß an Sie, sehr geehrter Herr Neumann, Frau Neumann, Schnauz, Fräulein Liesel und Herrn Doktor von Bernhard Meyer. Adresse: 316. Infanterieregiment, I. Ersatzbataillon, Rekrutendepot, 14. Korporalschaft. Mein Feldwebel kennt Sie, geehrter Herr Neumann, und seine Frau hat bei uns im Juli die vier Ellen Schamaß gekauft. Erinnern Sie sich noch, sehr geehrter Herr Neumann? Die Frau wrollte fortgehen.'4 Schießen lernte er nicht. Fechten wurde nicht sein Sport und vor lauter Gründlichkeit warf er die Handgranaten viel zu spät nach der