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Menorah · 1927-03-01 · Heft 3 (März 1927) · p. Seite 194

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 3 (März 1927)
Article
Meyer
Date
1927-03-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 MENORAH unten spitz zuging wie eine Birne, mit seinen ratlos abstehenden Ohren und den grauen, tonlosen Augen, die selbst für seinen kleinen Kopf noch zu klein waren und immer einen roten Entzündungsreif hatten, mit seinem von sonderbar gelben Sommersprossen übersäten Gesicht, aus dem die erschrecklich hagere und rassenstolze Nase in ganz unvereinbar kühner Weise, wie ein jugendlicher Held hervorsprang, mit seinem spärlichen rotblonden Haupthaar und dem widerborstigen brennroten Schnurrbartfragment, dem kurzen Hals, auf dem der Kopf stets nach vorne hing, dem schmalen, viel zu schmalen Leib mit den langen, viel zu langen Armen, mit seinen kurzen Beinchen, die stets einen Kniewinkel nach vorne machten, gab er ein treuliches Bild von körperlicher und seelischer Anspruchslosigkeit. So lebte und wirkte Meyer als treulicher Schlcmihl, und was er verdiente, trug er seiner Mutter heim, pünktlich am Ende eines jeden Monats, nachdem er sich an diesem Tage ein Schöpplein Wein gegönnt hatte. Dann kam der Krieg. Anfangs konnte Meyer es nicht begreifen, daß die Menschen, anstatt einander Bukskin und Kattun zu verkaufen, sich nun die Bajonette in den Leib rennen sollten. Seinem unkomplizierten Gehirn erschien diese jähe Umwandlung von Mensch und Geschäftsfreund in Feind und Vernichter unfaßbar. Sein Leben war bisher ganz kampflos vorübergegangen. Der einzige Kampf, der ihm bisher vorgekommen war, der — vergebliche — Konkurrenzkampf der Brüder Rosenzweig gegen seinen Prinzipal hatte ihn zwar sehr, sehr erregt, der Kampf war aber gewiß unblutig und friedlich auf dem kleinen Amtsgericht ausgegangen. An die Möglichkeit, daß man einen Menschen auch töten könne, hatte er nie gedacht. Wie alle unverdorbenen Juden stand er unbewußt über den Händeln dieser Welt. Sie gingen ihn nichts an, er stand ihnen ratlos und ohne Teilnahme gegenüber. Er war zufrieden, wenn er den Laden aufschließen durfte und seinen Kaffee bekam, wenn er Schnauz spazieren führte, die Tuchballen schleppte und den Marktkorb trug. So vergingen die ersten Kriegsmonate für ihn ohne besondere Erregung. Was wußte er von Belgien, was von Insterburg, was von Nancy? So weit reichten seine geographischen Kenntnisse nicht. Ihm genügte, daß er seine Ruhe hatte und die Franzosen nicht ins Land kamen. Nur die Kunde von dem Tode, der Gefangennahme oder der Verwundung eines Dorfgenossen oder eines anderen Bekannten scheuchte ihn aus seiner Ruhe auf, denn er hatte ein gutes Herz und Mitleid mit allen,

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