Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Meyer
- Date
- 1927-03-01
- Page
- 193 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MEYER Iine Erzählung von Julius Golclberg Das Geschäft von Salomon Neu mann ist so altmodisch wie das Haus, in dem es sich befindet. In dein langgestreckten niederen Laden, an dessen schwarzverrußte Decke liebliche Spinngewebe sich anschmiegen, wandelt seit Jahr und Tag Herr Salomon Neumanii umher, den Kopf auf die linke Seite gebeugt, das kahle Haupt mit einem Käppchen bedeckt und in der linken Hand den unvermeidlichen Zwicker. Kein pompöses Auslagenfenster preist die Güte der Ware und den billigen Preis an, in harmlos schlichter Naivität liegen an den kleinen Fenstern ein paar Ballen Manufakturwaren. Im Innern aber hinter den uralten Ladentischen, die schon den scharfen Geruch modernden Holzes ausströmen, ruhen auf hohen Schäften die mannigfachen Tuche und Kattune, alle säuberlich gerollt und bezettelt. Der Fußboden hinter den Ladentischen ist so weich, daß er den Tritten nachgibt wie junges Eis. Denn Salomon Neumann ist zwar ein Forlschrittler in der Politik, aber in seinem Geschäft konservativ, durchaus konservativ, weil er es nicht mehr anders nötig hat. Wir wollen aber nicht von Salomon Neumann reden, sondern von Meyer. Wer war Meyer? Der Jurist würde ihn als Handlungsgehilfen, der Kaufmann als Mädchen für alles und der Glaubensgenosse ihn einfach als Schlemihl bezeichnen. Meyer erfüllte alle drei Funktionen. Er war eben Meyer". Als ich ihn kennenlernte, war er etwa dreißig Jahre alt. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr lief er tagtäglich aus seinem etwa anderthalb Stunden entfernten Dorf lein in aller Herrgottsfrühe zum Städtchen, öffnete Punkt halb acht Uhr den Laden und trank alsdann seinen Kaffee mit zwei Butterbroten. Dann führle er Schnauz, den Hund, spazieren, genau fünfmal ums Häuserquadrat. Jeden Tag den gleichen Weg. jeden Tag mit der Unterbrechung an der gleichen Ecke. Und dann ging er in den Laden und tat, was er geheißen wurde, alles, was er geheißen wurde. Er packte Ware aus und ein, er schleppte die Ballen herbei, wenn ein Kunde kam, er blinzelte dem Kunden zu, wenn dieser nicht zog, als wollte er ihm einen heimlichen Rat geben, er trug der Frau Neumann den Marktkorb, trug stolz die eingekauften Hühner und Fische nach Hause und brachte mit gleichem Ernst das Geflügel zum Schächter. Mit seinem kleinen Kopf, der oben ganz eben war und nach