Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Jehudo Epstein
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 164 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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164 MENORAH Da waren im Vordertreffen neben Epstein ein schreibender Maler und ein Architekt. Sie kamen mit anderen Argumenten zum gleichen Ziel. Aber den einen trieb beschränkte Gehässigkeit, den andern maßlose Verbitterung — beide ihre selbstgefällige Rechthaberei. Nichts davon bei Epstein. Gewiß, auch er hatte die Handschuhe abgelegt und griff nun mit beiden Fäusten zu. In der Hitze des Gefechtes geriet auch er — wie vor ihm schon mancher Meister seines Faches — in die Zoologie, er verglich uns mit den Flöhen, aber anderseits die Künstler mit Elefanten, womit auf beinahe zarte Weise der Ausgleich wieder hergestellt war. Seine Waffe war und ist der starke, gelegentlich sogar der derbe Witz, niemals aber der Schimpf. Und niemals die verächtliche Herabsetzung des Gegners. Ihn schützt davor schon die Freiheit seines Horizontes und das reine Bekenntnis zu seiner Sache. Denn er will nichts für sich und alles für die Kunst. Wie Ibsen vor sein Werk, könnte auch Epstein vor das seine das Wort setzen: Ich denke in meiner Materie. Er hat in seinen Betrachtungen über das Doppelwesen von Kunst und Kunstgeschichte Sätze geschrieben, die ich auch heute noch bestreiten muß. Aber ich kann mich nur gegen ihre objektive Richtigkeit wenden, nicht auch gegen ihr inneres Recht. Dieses ist in seinem Fall nicht zu bestreiten. Denn es schöpft aus jenem unantastbaren Hochgefühl, das Epstein einmal auf die knappe Formel gebracht hat: Der Künstler macht Kunstgeschichte, der Kunsthistoriker schreibt sie nur. Hier ist einer, der sein klar erkanntes Bodenbreit tief durchpflügt und mit restloser Hingabe Frucht auf Frucht daraus hervortreibt. Was kümmern einen solchen Mann die unnützen gelehrten Begutachter, die mit kritischen Brillen durch zeugende Felder unter der Sonne schreiten. Was sollte er mit diesen dreimal Weisen Besseres anfangen, als sie zu allen Teufeln wünschen. Jeder Schaffende ist im Grunde fremd oder gar feind dem Forscher. Der rechte Forscher wird es ihm mit Liebe vergelten. Sie mag vergeblich sein. Denn niemals kann sie ganz das Ziel ihrer Sehnsucht erreichen. Um so schöner ist ihr unverdrossenes Bemühen, um so gerechter wird ihr Standpunkt sein. Von diesem Standpunkt, der den Ausblick auf die gerade, schöpferische Linie freilegt, gewinnt sie die Einsicht, daß jeder vollwertige Künstler auch dann recht hat, wenn er irrt. Von diesem Standpunkt lieben wir die leidenschaftlichsten Ausbrüche des Temperaments, auch wenn es einmal gegen uns geht. Daß im Falle Epstein zu dem heißblütigen Temperament noch ein scharfsinniger Geist hinzukommt, vermehrt nur unsere Lust.