Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Jehudo Epstein
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 163 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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JEHUDO EPSTEIN 163 den verbinden mich mit ihm, aber darunter auch eine an einen besonders schönen Augenblick. Ich hatte mich damals im schweren Dienst des Rezensenten mit zunehmender Unlust von Saal zu Saal geschleppt und jede bessere Hoffnung fast schon aufgegeben. Da geschah es, daß an einer klar besonnten Wand ein Bild meinen Blick auf sich zog und nicht mehr freigeben wollte. Es war kein Bild, das durch seinen literarischen Stoff oder durch seine gefälligen Manieren die Aufmerksamkeit bestimmt hätte, sondern es war nur ein Porträt — und nicht einmal das einer Dame, also ungefähr etwas, was der Laie, wenn er nicht selbst Modell gestanden, für den langweiligsten Gegenstand der Malerei zu halten gewohnt ist. Nun, ich fand es sofort äußerst interessant. Vor einem aufdämmernden Hintergrund die Büste eines Mannes im eng anliegenden grünen Wams mit einem prächtigen Schädel, dessen kahl zurückfliehende Wölbung das buschige Grauhaar umsäumte. Inmitten der bunt werbenden Handfertigkeiten ringsum war es ein Werk nicht der treibenden Willkür, sondern einer organischen Notwendigkeit, gestellt auf die Eigenschaften einer geraden, reifen Männlichkeit. Von breiter, fester Faktur, von sicherem Aufbau, auch in dem reinen und starken Farbsatz, von gesammeltem Ernst der Haltung, schlicht besonnen und doch durchglüht von einem echten Temperament, echter und edler als alle lärmenden Paraden in der Runde. Und nun erst der Kopf! Er zwang den Betrachter zum Verweilen, er gab ihn so leicht nicht wieder frei. Aus dem feinen entschlossenen Mund, aus der kräftigen Nase, aus den klug blitzenden Augen, aus dem ganzen knochig durchhöhlten, nervig überspannten Bau sprachen die Jahre eines harten, hochgerichteten Lebens, die diesen Kopf gebildet hatten. Ich bin ge wiß: wäre Dürer diesem Mann begegnet, er hätte ihn zur Figur in einer Darstellung von energievollen Charakteren gewählt. Und so hatte auch ich von diesem Selbstporträt Jehudo Epsteins die Gewißheit empfangen: hier ist ein Künstler am Werk, außen und inwendig eins in seinem bedeutenden Charakter. Schon vorher hatte ich es auch mit dem Geist dieses Mannes zu tun bekommen. Wenn ich nicht irre das erstemal, als die Besetzung der Leiterstelle an der Galerie unserer Akademie einen grundsätzlichen Kampf der beiden beteiligten Parteien hervorgerufen hatte. Die Kunsthistoriker forderten die Stelle für einen der Ihren, die Künstler sagten: nur ein Künstler kann ein rechtschaffener Direktor sein. In ihrem Lager stand auch unser Mann, ja, er übertraf an Schärfe — und das wollte schon etwas heißen — alle anderen Kämpen seiner Reihe. Aber wenn man näher zusah, konnte einem der Unterschied nicht entgehen.