Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Jüdische Spiele
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
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156 MENORAH zum Beispiel aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Krakauer Purimspiel, das einen aktuellen Stoff (einen die Judenschaft der Stadt damals arg aufwühlenden Wucherprozeß) behandelt. Die Darstellung der Purimspiele ist natürlich durchaus improvisiert. Darsteller sind zumeist Jeschiwahbachurim, die ihre Aufführungen in jedem Hause, wo sie willkommen sind, wiederholen. Ihnen gesellen sich auch Handwerkergehilfen und dergleichen als „Schauspieler" zu. Der Dialog — Verse — wird vielfach gesungen. Die Kostüme und Masken haben primitive Tradition. Die starre Maske ist bis heute gebräuchlich. Unmaskiert ist dagegen im Ahaschweroschspiel Esther, die jedoch — selbstverständlich — von einem Mann dargestellt wird. Für die meisten dieser Spiele ist ein Schluß tanz charakteristisch. VV ie am Purim gab es auch am Chanukah szenische Spiele, die jedoch heute bereits völlig in Vergessenheit geraten sind. Es dürfte sich auch da um szenische Darstellung biblischer Stoffe gehandelt haben. Während jedoch diese Spiele, wie wir gesehen haben, verhältnismäßig jungen Ursprungs sind und eigentlich unter starkem Einfluß der Umgebung stehen, gibt es eine andere — heute bereits gänzlich vergessene — Spezies jüdischer Spiele, die anscheinend von Juden geschaffen wurde und als eine originelle Schöpfung anzusehen ist. Sie sind dann auf die nichtjüdische Umgebung übergegangen, in deren Kunstentwicklung sie eine bedeutende Rolle spielten. Es sind die sogenannten Totentänze, Sie sind weit älter als die Purim- oder Chanukahspiele und haben ihre Grundlage in den schweren Tagen der jüdischen Volksexistenz, als in den Jahren 1349 bis 1350 der heute üblichen Zeitrechnung der „Schwarze Tod" in Europa herrschte und die Juden, denen man an dieser furchtbaren Seuche die Schuld gab, durch die Volkswut mehr litten als durch die Krankheit. Die Nachbarschaft des Todes zu jeder Zeit wurde der Seele nie so bew7ußt wie damals, und ihr symbolischer Ausdruck beschäftigte die Volksphantasie. Da erschien gegen Ende des 14. Jahrhunderts ein dramatisches Spiel eines a nonymen spanischen Autors unter dem Titel „Danza generale" oder „Danza delamuert e". Als Verfasser wurde lange der berühmte jüdisch-spanische Troubadour Rabbi Santib angesehen. Durch die scharfsinnigen Forschungen des bekannten Literarhistorikers K a y s e r 1 i n g ist es erwiesen, daß Rabbi Santib nicht der Verfasser dieses „Totentanzes" ist; gleichzeitig aber hat Kayserling unwiderleglich festgestellt, daß der Verfasser des „Totentanzes" Jude sein