Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Jüdische Spiele
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE SPIELE 157 muß, da nur ein Jude soviel Kenntnis der talmudischen Literatur besitzen konnte, wie sie in der Szene zutage tritt, da der Tod mit dem „Rabi barbudo" (dem Rabbi mit dem Bart) tanzt. Das Wesen dieses Spiels ist in der europäischen Kunst durch die berühmten Darstellungen Holbeins sowie zahlreiche nicht minder wirksame deutsche Holzschnitte und dergleichen bekannt. Der ,,Totentanz", den der anonyme jüdische Dichter geschaffen hatte, wurde bald in unzähligen Nuancen variiert und das populärste Spiel in ganz Europa am Ausgang des Mittelalters. Szenische, bildliche, melodische Darstellung gab dieses Motiv immer von neuem wieder. In den Kirchen wurden „Totentänze" aufgeführt. Und gerade bei den Juden, sowohl in den romanischen Ländern, wie auch in Deutschland, fanden die szenischen Totentanzspiele große Verbreitung. Die Darstellung erfolgte, insbesondere bei Hochzeiten, gewöhnlich mit Musik- und Gesangsbegleitung der Szene, durch prof essionelle jüdische fahrende Sänger, die in einer rabbinisch-historischen Quelle „Lezim" genannt werden. Die Hochzeit, die in der jüdischen Tradition seit je eine mit Trauer vermengte Festfreude aufweist, schien der geeignetste Anlaß, das „Totentanz"-Motiv immer wieder anzuschlagen. Die Aufführung von Totentänzen hat sich auch bei den Juden viel länger erhalten als bei den Nichtjuden, denn noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts hat Heinrich Heines Urahnin, Glückel von Hameln, in ihren berühmten Memoiren verzeichnet, daß bei einer Hochzeit in ihrer Familie, der sie beiwohnte, „ein schöner Totentanz aufgeführt wurde, der bei allen sehr viel Beifall fand". Bis heute ist der Totentanz in der ganzen Welt künstlerisches Motiv geblieben. Geschenkt wurde es der Welt durch einen Juden, der aus dem Volksgeist schöpfender genialer künstlerischer Eingebung folgte und dabei seinem Volke sein ältestes, einziges originelles jüdisches Spiel gab. Dieses und die anderen, weniger originellen, aber von der jüdischen Volksphantasie ausgeschmückten Spiele haben — wenigstens indirekt — trotz des rabbinischen Verbotes, Beziehungen der Juden zu dramatischer und Theaterkunst geschaffen, die es erklärlich erscheinen lassen, daß die Juden seit ihrem Eintritt in die Geschichte des Theaterwesens so große, mannigfaltige Begabungen auf diesem Gebiete liefern konnten. Diese Spiele sind auch für die profane jüdische Kulturgeschichte ein aufschlußreiches Gebiet der Forschung, die ihnen (bis auf wenige Ausnahmen, zu denen die ausgezeichnete Arbeit von Dr. J. Schipper „Theater und Theaterkunst bei den Juden" gehört) noch immer nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdienen.