Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Spinoza
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 123 (sequence 7)
- Language
- German
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SPINOZA 123 Enthusiastisch schrieb der sonst so skeptische Lichtenberg, sicherlich einer der größten Geister des 18. Jahrhunderts, den Satz: „Wenn die Welt noch eine unzählbare Zahl von Jahren steht, so wird die Universalreligion geläuterter Spinozismus sein", schrieb der feingebildete Dalberg an Herder: „Spinoza und Christus, nur in diesen Beiden liegt reine Gotteserkenntnis", und geradezu überschwenglich klingen Schleiermachers Worte: ,,Opfert mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, des Universum seine einzige und ewige Liebe. In heiliger Unschuld spiegelte er sich in der ewigen Welt und sah zu, wie auch er ihr liebenswürdiger Spiegel war; voller Religion war er und voll heiligen Geistes, und darum steht er auch da allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft, ohne Jünger und ohne Bürgerrecht." Ungeheuer war der Einfluß Spinozas auf Goethe. Goethes Hingabe an das Universum, an die Gott-Natur, atmet ganz spinozistischen Geist. Schon als Zwanzigjähriger notierte er in sein Tageheft: „Getrennt von Gott und der Natur zu handeln, ist schwierig und gefährlich. Denn wir erkennen Gott nur durch die Natur. Alles, was ist, gehört notwendig zum Wesen Gottes, da Gott das einzige Daseiende ist." Erst 1773 lernte er Spinozas Lehre aus den Quellen kennen. Drei Grundanschauungen verbinden ihn mit Spinoza: die Vorstellung von der Einheit, Göttlichkeit und Notwendigkeit des Weltalls. „Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße?" Diese Worte sind ganz im Sinne der spinozistischen Gottesidee gemeint. In den Zahmen Xenien nennt er Spinoza den Philosophen, dem er zumeist vertraue. Die „Philosophische Studie" von 1784 drückt seine Zustimmung gegenüber Spinoza aus, und in „Dichtung und Wahrheit" nennt er ihn den „Heiligen"; 1811 schreibt er in seinen Annaien, er rettete sich wieder einmal zu seinem alten Asyl, zu Spinozas Ethik. Von Kant wollte Goethe nicht viel wissen, Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung" ließ er ungelesen, bei Spinoza suchte und fand er Beruhigung. Es berührt ungemein traurig, daß der ariomane dilettantische Schwätzer Chamberlain einem Lessing, der schon seiner Abstammung nach ein besserer Deutscher war als der in Deutschland naturalisierte Brite, aus seinem Spinozismus einen Strick dreht, auch sich sonst an Beschimpfungen Spinozas nicht genug tun kann und den Einfluß Spinozas auf Goethe gänzlich verkennt. Auch Sendlings Identitätsphilosophie und Hegels System (Hegel sagte einmal: „Entweder Spinozismus oder keine Philosophie"), ebenso Fichte und der grimme Schopenhauer, der sich freilich nicht schämte,